42 - die Blase

Januar 2022

Triggerwarnung

In diesem Blog geht es um die unheilbare neurologische Erkrankung Multiple Sklerose und somit auch um mögliche Auslöser schwieriger Gefühle, Erinnerungen oder Flashbacks. Die Texte enthalten Veranschaulichungen und Sprachbilder für solche Trigger – wie Dis­­kriminierungs­erfahrungen oder Todeswunsch. Bei manchen Menschen kann dies negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall sein könnte.
Hilfe erhältst du unter 0511 – 70 33 38 oder info@dmsg-niedersachsen.de.

Ich bin Tatortreiniger,

der Putztitan!

Wo sich andere übergeben,

Fängt meine Arbeit erst an!

 

Eine Sache darf uns Versehrten sehr klar und sehr bewusst sein. Die eigentliche Krankheit beginnt in unserem Kopf und auch die Selbstverhinderung hat dort ihren Ursprung. Am Anfang, ziemlich direkt nach der endgültig schockierenden Diagnose unserer schweren, unheilbaren Krankheit fühlen wir uns vielleicht überfordert, auf jeden Fall überfahren und gucken bedröppelt wie n Schwein ins Uhrwerk. Wir haben keine Ahnung davon welche Dinge, Situationen, Einschränkungen aber auch Erleichterungen usw. unser zukünftiges Leben für uns bereit hält. Wir betreten jungfräuliches Neuland in uns und können dort mit unseren bisherigen Erfahrungen nicht viel anfangen. Wir dürfen also neue Erfahrungen erleben, um damit den Inhalt unserer eigenen Blase mit Alternativmöglichkeiten und ungekannten Optionen anzureichern. Es ist am Anfang selbstverständlich superschwer überhaupt irgendwas Hilfreiches und für uns Gutes zu erkennen. Aber nur weil wir etwas nicht gleich sehen, heißt das nicht, dass es nicht existiert. Wir dürfen irgendwo anfangen, irgendwo losgehen und uns daran machen, Veränderungen zu denken. Wir selbst sind ja nun auch anders. Körperlich, mental, innerlich tief verletzt. Am tröstlichen Ende steht hoffentlich eine auf Empathie basierende, feedbackorientierte Bidirektionalität mit uns selbst. Zuvor aber gilt es den Inhalt unserer Blase entsprechend zu qualifizieren, sodass wir irgendwann nicht mehr auf ihren vermeintlichen Schutz angewiesen sind und flexibel agieren können. Flexibilität ist wichtig beim Handling des Päckchens, dass wir fortan mit uns rumschleppen. Vielleicht sogar das Wichtigste. Beispiel: Ich habe eigentlich nie Bargeld bei mir und zahle immer mit Karte. Die Karte muss ich aber, um den Bezahlvorgang zu initiieren, aus meinem Portemonnaie pulen und dabei hoffen meine Arme unterwegs nicht zu verlieren. Wofür man alles Feinmotorik und Kraft braucht wird einem erst bewusst, wenn eins von Beiden weniger bzw. die Erholungsphasen immer länger werden. Irgendwann sprach etwas in mir lautstark dieses bereits riesige, stetig wachsende Problem an. Ich habe mich daraufhin informiert, was es für Alternativen bzw. Erleichterungen für Leute mit schwächlichen Armen geben könnte. Ich habe also eine scheinbar hoffnungslos eingefahrene Gewohnheit überwunden um mein Portemonnaie, welches ich schon seit 2 Jahrzehnten benutze, auszutauschen. Ich habe jetzt eins mit dem ich alle Karten, die glücklicherweise eine genormte Größe haben, per Fingerschnipp einfach greifbar, somit zügig und ohne große Anstrengung verfügbar machen kann.

Auch von meinem übertriebenen Anspruch, meine hoch unwichtigen Daten bis aufs Messer zu verteidigen, habe ich mich weitgehend verabschiedet. Ich habe also die Funktion zum kontaktlosen Bezahlen wieder aktivieren lassen. Und was soll ich sagen? Bezahlen und Geld abheben ist jetzt ein Kinderspiel, wo es vorher beinah ein Kampf und immer ein Krampf gewesen ist. Ähnliches Spiel mit meinem Mülleimer. Das ist auch eine Sache, die bestenfalls funktionieren darf, wer hat schon Lust sich mit Müll abzumühen und daran einen Großteil seiner Energie zu verschwenden? Ja ok, der Mülleimer ist jetzt ein bisschen beschädigt, aber ich sehe es nicht und habe außerdem sehr viel mehr Energie übrig, sobald ich den Müll besiegt habe. Vor Allem aber fluche ich nicht mehr über mich.

Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, haben aber nicht den gleichen Horizont. Ein schöner Spruch, aber was heißt denn das? Wir brauchen Wissen, um unsere Blase verlassen zu können und unseren Horizont zu erweitern. Am besten fragen wir uns einmal selber oder hören mal noch genauer hin, was wir uns selbst wirklich mitteilen wollen. Das können ganz bescheidene, vermeintliche Kleinigkeiten sein, die aber große, erhebliche Auswirkungen haben können. Bei mir ist ja bekanntlich die Fatigue ein Riesenproblem. Ich darf ihretwegen immer wieder neue Verbindungen mit mir selber eingehen und sehr genau hinhören, welcher Teil in mir welches Bedürfnis warum hat. Ich kann diese Bedürfnisse mittlerweile ziemlich genau einordnen und vermitteln. Jene Erkenntnisse, was im jeweiligen Moment für mich wirklich wichtig ist, lassen mich den Lernberg immer weiter hinaufklettern und zum Experten für meine inneren, aber auch äußeren Belange werden. Dabei beobachtet mich auch immer mein innerer Arzt. Der hat schon einige Male eingegriffen und mir gesagt was geht und was nicht. Die zusätzlichen Geländer fürs Treppenhaus sind mittlerweile installiert, somit ist das Wuchten meiner Einkäufe nicht mehr ganz so anstrengend. Um dies alles und anderes zu erreichen, durfte ich meine Blase, die sich vormals wie ein Schrumpfschlauch um meinen Hals legte, verlassen, um meine Wahrnehmungsverzerrung weitgehend zu glätten. Durch meine Bewusstwerdung, meine Erfahrungen, durch all das Wissen, vor allem aber durch meinen Mut habe ich gelernt mit meinen Einschränkungen zu leben. Damit ich leben kann.

Ich möchte hier noch Franz Kafka zitieren: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” Gefrorenes Meer? Ja, je älter wir werden desto eingefahrener werden wir, wenn wir nichts Neues erfahren und erleben wollen. Wir stumpfen ab. Unser Inneres wird dunkel und kalt. Es muss nicht immer ein Buch sein, es liest ja auch nicht jeder gerne. Aber jedweder Input, den ich mir im Laufe der Zeit angetan habe, Bücher, Filme, meine Therapeuten, andere Menschen, Lieder, Fernsehen und Internet, meine Familie, Freunde und überhaupt Wissen über die Welt und mich selbst, haben mein Inneres aufgetaut und meine sehr widerspenstige, verhärtete, ja, tiefgefrorene Blase weitgehend aufgelöst. Mit dieser neuen Freiheit kann ich nun offen und unvoreingenommen, selbstständig mein Leben leben und anstatt das Fremde zu hassen, die Fäuste öffnen und alle Fünfe gerade sein lassen.

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