47 - Neo

Von Alexander Gottschalk, den Machern von Ghostbusters und Batman, Rosa und Brigitte, Bob Dylan, Lars Eidinger und Jesen von Nimzwai

Februar 2022 - April 2025

Triggerwarnung

In diesem Blog geht es um die unheilbare neurologische Erkrankung Multiple Sklerose und somit auch um mögliche Auslöser schwieriger Gefühle, Erinnerungen oder Flashbacks. Die Texte enthalten Veranschaulichungen und Sprachbilder für solche Trigger – wie Dis­­kriminierungs­erfahrungen oder Todeswunsch. Bei manchen Menschen kann dies negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall sein könnte.
Hilfe erhältst du unter 0511 – 70 33 38 oder info@dmsg-niedersachsen.de.

Werden Sie durch merkwürdige Geräusche mitten in der Nacht beunruhigt? Erleben Sie zuweilen Angstgefühle in Ihrem Keller oder auf Ihrem Dachboden? Haben Sie oder Ihre Familienangehörigen jemals einen Spuk, ein Phantom, oder ein Gespenst gesehen? Wenn die Antwort "Ja'' lautet, warte keine Minute und ruf sofort dich selbst herbei. Nur du selbst bist immer bereit, deinen eigenen Worten und Gedanken Glauben zu schenken.

Sicher? Einzig der Tod ist sicher. Vergänglichkeit auf Erden und im gesamten Universum, das ist gewiss. Doch was wir hier machen, ist Naturwissenschaft. In Naturwissenschaften dreht sich alles um Partikelbeschleuniger und Wasserstoffbomben. Wissenschaften sind zugleich Plage und Hoffnung auf ein Heilmittel. Sie sind rücksichtslos, so wie Punkrock, wie eine Sicherheitsnadel im akademischen Nippel der Welt. Autsch! Wissenschaft ist rein, aber sie ist nur ein vorläufiges, ein sich entwickelndes Absolutum. Betrachtet durch die subjektive Brille Einzelner, bis jemand anderes kommt und die Dinge zu einer anderen Zeit, aus einer fremden Perspektive, mit frischen Ideen und unerforschten Schlussfolgerungen beleuchtet. Sie ist eine nur scheinbare, vage Antwort auf all den Wahnsinn, der uns umgibt. Diesen aber gilt es präzise zu erforschen. Also, lass es krachen!

Ich habe geklaut. Diesmal auch aus den Ghostbusters Filmen, von Batman, aus Songtexten, von Künstlern jedweder Couleur, aus Büchern, meiner Mitwelt und eben auch aus der Wissenschaft. Tatsächlich habe ich überall da geklaut, wo meine Augen und Ohren einen magnetischen Gegenpol verorteten. Denn ringsherum wird in einer merkwürdigen, oft komplizierten, vielleicht total unverständlichen, manchmal traurigen, zuweilen aber hoch lustigen Sprache aufgezeigt, wie die Welt angeblich funktioniert. Jedoch müssen wir gelegentlich sehr genau hinspüren und dieses Wunder der plötzlichen Imagination wirklich begreifen lernen. Es geht darum, eine zutiefst persönliche Sprache nur für sich selbst zu entdecken, um sich die eigene Welt, mit all ihren Schönheiten und Schrecken, erklären zu können. Qualifikation dafür haben wir von Geburt an, weil wir Menschen sind, weil wir wie Kinder immer neugierig bleiben werden. Wir brauchen dafür nicht unbedingt Abitur und wir müssen auch nicht notwendigerweise zur Uni. Das große Ganze erschließt sich vielleicht aus den vielen kleinen Puzzleteilen, durch unsere Erfahrungen, die wir bis zum Tode unseres Daseins sammeln und im Bilde des Lebens aneinanderfügen. Allerdings sind Lücken vorprogrammiert, von wem oder was auch immer, aber genau da noch genauer hinzusehen ist eine Aufgabe, die höchstwahrscheinlich niemals wirklich erledigt sein wird. Wir entwickeln so ganz langsam und unaufhörlich eine eigene, sehr persönliche Theorie. Ihr Name? Mein Leben!

Ich betreibe also eine Art argloses Studium an mir selbst. Ich schaffe Wissen über mich und versuche den mich immer und überall begleitenden Konjunktiv zu zähmen. Weil ich nach Orientierung suche, denn an dieser mangelt es mir. All das, was wir über die Welt zu wissen glauben, wissen wir allein durch die Wissenschaften. Sie entstehen aus dem Bedürfnis des Menschen heraus, sich in seinem Selbst und seiner Wahrnehmung orientieren zu können. Irgendwer aus längst vergangener Zeit hat mal schriftlich festgehalten, dass alle Probleme in der Zukunft durch Wissenschaft gelöst würden. Warum also sollte dieses globale Bild nicht auch lokal mit mir vereinbar sein?

Ich fange an zu verstehen. Ich habe bereits etwas bewirkt, aber nicht so, wie ich es vorhatte. Vergeltung ändert nämlich nichts an der Vergangenheit, weder an meiner eigenen noch an der von Anderen. Ich muss viel mehr sein als das. Ich brauche Hoffnung, muss wissen, dass Ich für Mich da bin; denn ich bin wütend und mit Narben übersät. Sie können mich zerstören, auch nachdem die körperlichen Wunden geheilt sind. Doch wenn ich sie überlebe, können sie mich verändern, sie können mir die Kraft verleihen, durchzuhalten und die Stärke zu kämpfen. Aber einen guten Umgang mit meinen Dämonen finde ich nicht mithilfe eines Protonenblasters und einer Geisterfalle. Oder wenn ich den einzig wahren Superhelden herbeirufe, sondern ausschließlich durch Wissen. Am liebsten Erfahrungswissen.

Gozer, der Gozerianer? Im Namen des Counties Summerville im Staate Oklahoma, der Fisch- und Wildtierbehörde der USA, aller Mitglieder von Enten ohne Grenzen, der Gesellschaft zur Förderung von Menschen im Ruhestand befehle ich dir gemäß dem Gesetz zum Schutz vor invasiven Arten diese Dimension auf der Stelle wieder zu verlassen.

 

Eine meiner Dämoninnen heißt Rosa

 

Es gibt mehrere Möglichkeiten, in oder mit einer Tragödie zu leben. Sie zu erkennen, zu akzeptieren und anzunehmen, als das, was sie ist, ist für mich von Zeit zu Zeit immer noch unglaublich schwer. Allein diese drei Worte zu differenzieren war schwierig für mich, deshalb habe ich verständlicherweise zuerst versucht, meine persönliche Tragödie wegzuknipsen, zu verdrängen, auszuschalten oder wie ich es letztendlich gemacht habe, zu vernebeln, sodass ich von ihr wenigstens eine Zeitlang gar nichts mitkriegte. Doch nach langer Zeit im nirgendwo musste ich irgendwann ganz dringend nach Hause, aber so verschiedentlich zugedröhnt konnte ich den mir unbekannten Weg gar nicht klar erkennen. Zunächst habe ich versucht, meiner vermeintlichen Tragödie mit Alkohol beizukommen, bis zur Besinnungslosigkeit habe ich mich sehr rigide von ihr abgewandt. Ich kann mich noch gut an schmerzhafte Fahrradstürze bei Eiseskälte am Morgen danach erinnern, während mich Malte von Bremen Vier, wie immer gut gelaunt, abrupt auf den harten und arschkalten Asphalt begleitete, nur um mich anschließend noch gratis mit Revolverheld zu verhöhnen! Zur gleichen Zeit kam auch das Verlangen nach Marihuana und seligem Schlaf wieder. Ich war so ausgelaugt und dumm zu dieser Zeit. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben und alles wieder so wie vor meiner dringend klärungsbedürftigen Tragödie. Doch jetzt, fast 25 Jahre später, kann ich dir versichern, dass Rosa damals schon immer mit dabei gewesen ist. Und zukünftig mit ihr Einiges noch ganz anders werden würde.

Rosa wurde nämlich ohne jeglichen Kommentar, anonym also wie ein Findelkind, auf meiner Türschwelle hinterlassen. Das Leben hat nur kurz geklingelt und sich dann klammheimlich wieder vom Acker gemacht. Das tut es nämlich manchmal, und zwar mit Vorliebe, dann, wenn du mit ihm überhaupt nicht rechnest. Na, du bist ja schließlich irgendwo angekommen, oder? Du hast gar keine Zeit für das Leben, bist ja fertig mit allem! Nichts findet mehr statt und alles ist nun hoffentlich endgültig.

Sicher? Ey, irgendwas ist doch immer, oder bist du schon tot? Nun, hoffentlich nicht, im beschwerlichsten Fall lebst du unreflektiert einfach irgendwie weiter, im besten Fall suchst du dir umgehend Hilfe und findest dich neu, im allerbesten Fall aber willst du lebendiger sein als je zuvor, und zwar mit Rosa!

Die kleine, niedliche und unscheinbare Rosa zog also bei mir ein, bzw. niemand anderes durfte sie haben, wuchs, wurde älter, schlagfertiger und ideenreicher. Zu Beginn habe ich ihre schnöden Missetaten gar nicht wirklich wahrgenommen, aber in der Rückschau sind mir weit zurückliegende Situationen eingefallen, in denen sie bereits latent auf meine Motorik einwirkte, obwohl Rosa damals noch gar nicht Rosa hieß. Ich tat diese zwar unschönen und sehr jugendlichen Erlebnisse als damalige Tollpatschigkeit ab, aber ab einem gewissen Alter begann Rosa alle meine bisherigen Bewohner, die Gewohnheiten, die Ansprüche, die Erwartungen und vor allem den kleinen Alexander massiv zu ärgern. Heute kann ich natürlich viele Parallelen ziehen und diese auch benennen und erklären, aber damals? Eines Tages konnte ich immer schlechter laufen und eine Gehhilfe musste her, das Stolpern nervte grandios und schmerzte teilweise an den Knien, Ellbogen, im Gesicht. Rosa mischte sich auch ins Heben, Tragen und Festhalten ein, immer unkoordinierter zeigten sich meine Bewegungen, dafür wurde ich körperlich immer schwächer und auch meine allgemeine Leistungsfähigkeit schwand. Ataxie in den Armen und fortgeschrittene Spastik in den Beinen nahmen mir nach und nach immer mehr die Kontrolle über einfachste Aufgaben einfach weg. Der kleine Alexander, der vielleicht wenig weiß aber am meisten von uns allen fühlt, fragte mich einmal: wieso denn sein ganzes Leben, seit er ganz, ganz klein ist, von so beschissenen Beschwerlichkeiten begleitet wird. Er hat doch überhaupt nichts getan! Er sah so einsam und verlassen aus, während ihm dicke Tränen sein kleines Gesichtchen hinunterkullerten. Mit hängenden Schultern stand er da, und weil ihn sein klägliches Schluchzen so sehr schüttelte, schaute er abwechselnd hilflos fragend zu mir hoch und schämte sich gleichsam erbarmungswürdig zu Boden. Ich habe seine bittere und um Erlösung flehende Frage nur transzendent in der Ferne geahnt, denn damals stand ich ja selbst erst am Anfang der Geschichte, die ich dir diesmal erzähle. Heute könnte ich ihm wohl sehr viel zugewandter antworten, doch damals wusste ich ihm nichts Tröstliches zu geben. Lange Zeit irrte ja auch ich nur von einem verkopften, auf vielen Ebenen enttäuschenden, angeblichen Ausweg zum nächsten Strohhalm und habe Heilung in äußeren, von anderen bereitgestellten Techniken gesucht, aber nichts Passendes für mich gefunden. Ich habe fast alles probiert und war am Ende doch nur frustriert. Dass ich mich auch selbst heilen könnte, kam mir gar nicht in den Sinn. Bis man mir in einer Reha ans Herz legte, meinen Job aufzugeben, wichtige Dinge zu hinterfragen und einen alternativen, angenehmeren Weg durch mein Leben einzuschlagen. Dieser Besuch beim Sozialdienst hat letztendlich den Ausschlag gegeben, mich sehr intensiv mit mir selbst auseinanderzusetzen. Verantwortung zu übernehmen für mich. Doch wie ich das am besten anstelle, hat man mir leider nicht gesagt. Sowas in Gänze Unbefriedigendes sollte mir später noch öfter passieren, jedoch entwickelte sich aus dieser Unvollkommenheit eine für mich noch immer gültige Haltung: Handele selbst, bevor du behandelt wirst! Sonst musst du dich noch öfter widerwillig mit Dingen abfinden, die du einfach so kriegst, ob du willst oder nicht.

Gemessen an meiner damaligen Verzweiflung war eine schnelle Hilfestellung das Gebot der Stunde. Brigitte, meine Psychotherapeutin, die ich heute auch gerne als Freundin sehe, wurde zur unverhofften, aber unbewusst schon lange ersehnten Lebenshilfe! Sie wendete meine Not durch ihre mir zugewandte Unterstützung, ihre Ideen und Beleuchtungen. Vor allem aber hat sie mir zugehört! Kein anderer Mensch weiß so viel über mich, schon gar nicht in der Tiefe, vielleicht nicht mal ich selbst. Wir haben uns immer im heißen Brei aufgehalten, heute weiß ich, dort, und nur dort, kann ich etwas nachhaltig für mich bewirken. Außerhalb des heißen Breies ist es vielleicht verrückt und bunt, unterhaltsam oder nur angenehm, weil da bei den Ablenkungen, weit weg von mir selbst, keine meiner Dämonen anzutreffen sind. Aber Ablenkungen vom Wesentlichen führen nirgendwohin. Wohin führen die Ablenkungen? Nirgendwohin!

Also habe ich nach einer viel späteren Reha rasch ein Küchentischgespräch einberufen. So wie es war, konnte es nicht bleiben, Rosa tanzte uns allen total willkürlich auf der Nase herum, der kleine Alexander war ständig traurig und verängstigt und meine Gewohnheiten, Ansprüche und Erwartungen aus der alten Zeit fühlten sich komplett überflüssig. Wir mussten uns alle zusammenraufen und ein neues, klarsichtiges Leben beginnen. Rosa platzte gleich mit sich selbst heraus: "Ihr werdet mich nicht los.” Das klang fast wie eine Drohung. „Ab sofort geht alles nur noch mit Bewusstsein, Technik und absoluter Konzentration. Ihr werdet alle sehr tapfer sein müssen und euch an Worte wie Geduld, Tagesform, Nein, Stopp, hetz mich doch nicht, Ermüdungserscheinungen und ‘ich kann einfach nicht’, gewöhnen müssen. Ihr werdet sehr viel Empathie miteinander haben und ihr werdet lernen müssen, verzichten zu können. Demut und Dankbarkeit werden eure neuen ständigen Begleiter sein; und DU Gewohnheit!" Mit entschlossenem Gesicht fuchtelte sie mit dem nackten Finger. „Du wirst dich von Grund auf neu erfinden müssen und Dinge zulassen, die vorher undenkbar waren. Auf jeden Fall wirst Du sehr viel Acht auf mich geben, denn ich bin unberechenbar und willkürlich. Und genau wie Thanos bin ich unvermeidlich brutal, also seid besser alle hübsch nett zu mir, sonst wird es euch schlecht ergehen.” Was für eine despotische Ansage, wir alle, außer Rosa, schauten uns mit riesigen Augen an, und dann auf die Tischplatte, als ob dort unsere gemeinsame Zukunft ablesbar wäre, uns eine Art Leitfaden offenbaren würde, eine Sicherheit. Aber da war nichts. Rosa hat uns den Boden unter den Füßen weggerissen und wird es auch weiterhin tun. Das hat sie klar und unmissverständlich kommuniziert. Unser bereits erwähntes, ganz individuelles Kartenhaus aus Gewohnheiten, Ansprüchen und Erwartungen, an dem wir unser ganzes Leben lang gebaut haben, ist krachend zusammengebrochen worden. Einfach so. Ohne unser Zutun. Ohne jegliche Schuld. Wir fünf schauten uns lange und schrecklich überfahren an und nickten schließlich einvernehmlich, denn eine aussichtsreiche Chance auf ein Leben wie bisher oder ein weiter so schien unmöglich. Wortlos und ganz zaghaft lächeln wir uns schließlich geheimnisvoll an. Rosa hat uns extrem viele Sachen verunmöglicht und verleidet, aber sie hat uns auch ein Geschenk gemacht. Eins das gar nicht mal so viele Leute überhaupt erkennen, geschweige denn akzeptieren, schon gar nicht annehmen können. Ich rede von der Zeit. Sie ist eine total verkannte und von uns Menschen mit ganz viel Unsinn vollgestopfte Dimension, die ihrer Natur nach ein geduldiges Gemüt hat und mit deren Hilfe es sogar möglich ist, spielend selbstwirksam zu werden.

Time ist nämlich honey und nicht money. Nicht Hamsterrad, sondern Biergarten, verstehst du? Und dorthin nehmen wir natürlich auch Rosa mit, ohne sie wären wir uns alle nicht so nah geworden. Ohne sie würde ich immer noch orientierungslos den “man’s” hinterherrennen und über mich unwissend einfach nur hoffnungslos vegetieren. Ein erfülltes Leben war es vor Rosa nämlich nicht.

Wir haben uns also alle erkannt, akzeptiert und am Ende sogar angenommen. Dabei hatte den größten und leidenschaftlichsten Anteil an unserer grundsätzlichen Auseinandersetzung, der kleine Alexander. Zum Ende unseres Gesprächs flüsterte er mir noch leise ins innere Ohr: „Es ist okay, lass uns nicht mehr kämpfen."

Kurz nach diesem denkwürdigen Gespräch habe ich mich vom Tisch abgestoßen, zurückgelehnt und tief Luft geholt. Ich habe geräuschvoll ausgeatmet und währenddessen entschieden, mein Leben ab sofort nur noch so zu leben, wie ich allein es für richtig halte. Und der kleine Alexander, der immer in mir wohnen wird, der möchte ich fortan immer auch sein. Ich habe im Laufe des Lebens wohl automatisch eine gänzlich andere Sprache, irgendwie verkopft, gefühllos, fantasielos, furchtbar erwachsen, sozusagen vernünftig, und von Skepsis und Misstrauen geprägt, angenommen. Nur durch Brigitte’s Unterstützung habe ich unsere kindliche Sprache wieder erlernt, ich kann mich jetzt tief auf ihn, auf uns?, einlassen und habe letzten Anfangs neue Haltungen und Blickwinkel entwickelt. Ich kann nun so mental gerüstet einen alternativen, angenehmeren Weg durch mein Leben einschlagen.

Obwohl ich, trotz oder gerade wegen all dieser neuen Haltungen und Blickwinkel wieder einmal nicht weiß, wie mir geschieht. Es prasseln so viele neue Dinge auf mich ein, dass ich gar nicht weiß wohin ich zuerst schauen bzw. wohin ich mich wenden soll. So viele unverhoffte Abzweigungen von meinem vermeintlich vorgezeichneten Weg haben sich vorsichtig doch bedeutend neugierig an der Oberfläche gezeigt. Unecht und irgendwie traurig war es bis zu diesen plötzlich erscheinenden Gabelungen meines bisherigen doch krankmachenden Werdeganges. Ich weiß zwar nicht, wohin diese, bis jetzt winzigen Zweige unterschiedlich wachsenden, vielversprechenden Ausläufer meines Lebensbaumes weisen, in welche Richtung sie mich führen und ob ich diese neuen Wege wohlbehalten überstehe. Ob ich sie für mich überhaupt annehmen kann oder sie sich womöglich als enttäuschende Sackgasse entpuppen. Doch ich weiß, dass ich viel Zeit habe mir genauestens zu überlegen, wichtiger noch, zu erfühlen, was mir guttut und was sich als richtig und wichtig, mir allein offenbart. Auch, ob auf diesem neuen Weg Dinge erscheinen oder geschehen, die ich schon lange Zeit gebraucht hätte. Um das alles überhaupt überblicken zu können, nehme ich gern Geschwindigkeit, aber auch Beschleunigung aus meinem Leben heraus und werde diese zarten Triebe meines künftigen Seins sehr behutsam und äußerst besonnen erforschen. Mit Bedacht, denn an den Scheidewegen des Lebens hängen ja keine Wegweiser. Ich bin glücklicherweise nicht mehr so allein und verbleibe nunmehr vertrauensvoll in meinen eigenen Händen und denen meiner Freunde und Therapeuten, es ist so warm und gemütlich mit ihnen. Gemeinsam schaffe ich vielleicht den nächsten, ersten Schritt.

Natürlich vermisse ich mein altes Leben, die Geschwindigkeit, die Leichtigkeit, die Menschen, meine körperliche Fitness, die Sorglosigkeit, meine Kraft, meine Ausdauer, meine scheinbare Widerstandsfähigkeit. Vor allem aber trauere ich meiner Kindheit, erst recht meiner Jugend und den viel zu wenigen unbeschwerten Sommertagen hinterher. All die Dinge, die ich verpasst habe, all die Erfahrungen, die ich nicht gemacht habe, vor allem mit anderen Menschen, all die Dinge, die uns von Grund auf prägen und uns fürs Leben vorbereiten. Ich weiß nicht, ob ich gelernt habe, gut mit dieser Melancholie und diesen Sehnsüchten umzugehen, denn immer, wenn sie mal wieder da sind, treten sie recht schmerzhaft und überdeutlich in den Vordergrund, rauben mir fast den Verstand. Ist dies nicht eine Art Fluch, den das Leben im Laufe der Zeit mit sich bringt? Diese Traurigkeit, dieses Hungern nach Vergangenem? Nach dem, was einmal war und nicht mehr ist? Nach etwas, das verloren scheint und unwiederbringlich vorbei ist? Habe ich dafür Ersatz geschaffen oder vielmehr gefunden, um diese schmerzlich klaffende Lücke zu schließen?

Ja, es kann richtig scheiße laufen aber mit ein bisschen Abstand wirst du begreifen, dass ein äußerer Verlust immer auch ein innerer Gewinn sein kann, wenn Du dich darauf einlässt. Du musst nur die Angst vor dem Verlieren verlieren. Oder anders ausgedrückt: es ist nicht gut immer nur die halbe Schallplatte aufzulegen, um die Einbußen des Lebens zu beklagen, denn tatsächlich ist es bemerkenswert, wie allgemein bereichernd und vor allem von automatischen Zwängen erlösend angebliche Verluste auch sein können.

Der Verstand ist in der Lage, alles zu erfinden, vor allem wenn wir uns durch die Dunkelheit tasten und verzweifelt sind. Aber wenn wir das Wirkliche vom Erfundenen unterscheiden wollen, dann gibt es nur eine Möglichkeit; wir müssen die Ärmel hochkrempeln und uns die Hände schmutzig machen. Wir müssen uns die Schönheit und das Grauen selbst ansehen. Denn es ist sowieso andauernd ein klein wenig quälendes Müssen dabei. Neugier, Mut und Tapferkeit, Überwindung und Entgrenzung, um die Dinge zu kriegen, die wir so dringend benötigen. Aber um zu ergründen, was diese teils neuen Dinge überhaupt sind, müssen wir die einzige Pflicht wahrnehmen, die der Mensch tatsächlich und überhaupt hat. Die Verantwortung für sich selbst übernehmen nämlich. Wir tun ja alle unsere Pflicht, wenn es uns nichts kostet. Auch beispielhaftes Handeln fällt dann umso leichter. Doch früher oder später kommt der Tag im Leben eines jeden Menschen, an dem nichts mehr leichtfällt. Der Tag, an dem sich der Mensch entscheiden muss. Verantwortung für sich selbst übernehmen muss.

Dabei musst du das Leben nicht mal verstehen. Du musst es nur leben. Vor allem darfst du es genießen! Kau es in kleinen Bissen, Stück für Stück, und wenn du bereit bist für den nächsten, denk nicht lang nach, mach! Du darfst das!

Wenn du musst, dann musst du wohl, aber wenn du erkennst, dass du auch darfst, dann ist das Erleben noch viel intensiver und barfuß mit Nici im Einkaufszentrum, bis der Laden dicht macht; das ist dann auch gar kein Problem mehr.

Früher hatte ich das Gefühl, das Leben und alle Zeit verlaufen in einem befohlenen, vorgegebenen Takt. Einem seltsamen Rhythmus fremder Bestimmung. Ich war gerade dabei etwas zu erzählen oder zu tun oder etwas wahrzunehmen oder zu genießen, aber eigentlich müsste ich schon wieder weiter, getrieben von einem inneren Drang, ja einem Zwang, den ich genauer zu definieren nicht in der Lage bin. War das der jugendliche, heißspornige und gedankenlose Hunger nach dem damals sogenannten Leben? Oder wurde mir nur diese oberflächliche Pflicht eingeredet, unbedingt angepasst sein zu müssen, um irgendeiner Hammelherde hinterher zu laufen, das Leben ohne Sinn und Verstand an mir vorbeiziehen zu lassen, nur damit ich am Ende wort- und kraftlos verblasse? Ich habe mich entschieden, das nicht mehr mitzumachen, einzig um irgendwelche aufgedrückten Zeiten einzuhalten, eigene sowie fremde Erwartungen zu erfüllen oder andere plötzlich erscheinende Dinge auch noch, aber nur verkopft, zu konsumieren. So als hätte ich Angst, irgendwas zu verpassen; damals wollte ich ja auf allen Hochzeiten tanzen, bin dem Geld hinterhergerannt, und bildete mir bei all dem Unsinn ein, ich wäre ein ganz Großer. Ich weigere mich aber nun, diesen an mir zerrenden Takt zu bedienen. Wohin muss ich denn eigentlich? Ich will doch mein Leben erleben und nicht von einer Sensation zum nächsten Exzess hetzen? So viel wie möglich verbrauchen, aber nichts wirklich begreifen? Und wozu überhaupt?

Kannst du dir vorstellen, welche überwältigenden Freiheiten und Kräfte in der Zeit verborgen sind?

Ich mache sie mir also zum Geschenk und lebe in fröhlichem Freistil in den Tag hinein, um endlich und ehrlich selbstwirksam zu werden…

 

…weil ich mich ja auch nicht im Leben kurz fass,

sondern fass mich lang, schon am Anfang,

die Freestyle-Session heute, ja die geht noch lang.

Mindestens sechs Stunden, sechs DAT-Bänder,

DJ Life kriegt von meinem Freestyle schon Ränder,

steht am Geländer und stürzt fast ab,

ja, ich hab Flow und das bestimmt nicht zu knapp.

Direkt für uns, direkt hier aus der Box,

ich hab mehr Gold als das beschissene Fort Knox,

das ich jetzt erstürme und den Code direkt knacke,

Hey, du hast auch so viel Flow, denn du bist ne Zacke.

Doch das ist mir egal denn ich burne immer,

ey, und es wird noch viel schlimmer…

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