46 - Status quo - unbekannt

von Alexander Gottschalk und Listenbee feat. Naz Tokio

Juli 2024

Triggerwarnung

In diesem Blog geht es um die unheilbare neurologische Erkrankung Multiple Sklerose und somit auch um mögliche Auslöser schwieriger Gefühle, Erinnerungen oder Flashbacks. Die Texte enthalten Veranschaulichungen und Sprachbilder für solche Trigger – wie Dis­­kriminierungs­erfahrungen oder Todeswunsch. Bei manchen Menschen kann dies negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall sein könnte.
Hilfe erhältst du unter 0511 – 70 33 38 oder info@dmsg-niedersachsen.de.

Die Tage ziehen mal schnell, mal langsam, immer gleich vorüber. Es ist kein unangenehmes Immergleich, denn immer gleich ist es ja nie. Das tägliche Stück Kuchen z.B., es ist heute herrlich fruchtig, süß und matschig. Genau wie ich es mag, genieße ich die zum liebgewonnenen Ritual gewordenen Worte einer sterbenden Frau. Mit ihrem letzten Atemzug tröstete sie ihre weinende Tochter lächelnd: „Sag den anderen, sie sollen jeden Tag ein Stückchen Kuchen essen, das Leben lässt sich mit Genuss nämlich sehr viel leichter ertragen."

Seitdem ich also meinen Alltag pfiffig und praktisch entschleunigt und unverhofft eine liebe Freundin gefunden habe, Geduld und Gelassenheit wieder in mein Haus eingezogen sind, seitdem plätschert mein Leben gefällig und angenehm geräuschlos einfach so dahin.

Doch meine Multiple Sklerose schreitet immer weiter, immer schneller voran. Geduld? Gelassenheit? Es scheint nicht mehr nur die schleichende Variante vorherrschend zu sein, jedoch handelt es sich auch nicht um eine schubförmige MS. Tatsächlich galoppiert die Verbrennung meines Körpers auf manchmal fürchterlichste Weise einfach auf und davon. Das ist nicht nur erschreckend, sondern macht mich todtraurig. Es gibt einfach zu viele Dinge, von denen ich mich bereits verabschiedet habe, teilweise verabschieden musste. Vieles fällt einfach nach unten, geht kaputt, wird dreckig oder fliegt unbeabsichtigt in die Ecke. Manches Feinmotorische mache ich nicht mehr gern in der Öffentlichkeit, zum Beispiel essen. Oft will das leckere Futter erst eine ausgiebige Rundreise durch mein gesamtes Gesicht glitschen, bevor ich zitternd mal den Mund treffe und sich die Pizza endlich befriedigend in meinen Magen verdrückt. Vielerlei Pläne, die ich vorfreudig verwirklichen wollte, kann ich nun mit meinen ataktischen, inkontinenten und betrunkenen Eigenheiten nicht mehr bedienen. Erfahrungen mit Menschen wollte ich machen, vor allen Dingen mit Frauen, aber jetzt nerven die nur. Alles ist furchtbar anstrengend für mich und zerrt an meinen Energiereserven, erst recht andere Menschen. Ich kann leider nicht mehr so gut artikuliert und ausdauernd und kraftvoll sprechen. Es ist wirklich ein Ärger, dass ich die einfachsten Sachen nur noch unter größtem Kraftaufwand geschehen lassen kann. Sprechen, Essen, die Toilette, die ständig nach mir schreit und mein schwankender Gang. Bzw. ich rede immer liebevoll von meinem Wingman, meinem rotem Gehwagen, Manfred IV. Ich bin heilfroh ihn zu haben, ohne ihn gehe ich nirgendwo hin, aber er bekommt immer mehr Aufmerksamkeit als ich. Eigentlich ist jedwede Sache bereits gelaufen, schon kurz nachdem unsere freundliche Erscheinung mit der vornehmen Gesellschaft kollidierte. Manchmal werde ich behandelt wie ein kleines Kind, manchmal werde ich einfach übergangen oder nicht für voll genommen. Ich bin richtig frustriert, wenn ich nur als halber Mensch wahrgenommen und nicht richtig gesehen werde. Es ist immer ein riesiger Kampf mit der Energie, der Temperatur, den weiten Wegen, meiner Blase, der Ataxie und letztendlich der erhofften Barrierearmut. Zudem bedauere ich eine ganze Reihe von Dingen, die ich nicht erleben durfte. Vor allem in meiner Jugend wurden mir wichtige charakterbildende Fertigkeiten vorenthalten, die mir jetzt irgendwie auf die Füße fallen und eine große, zusätzliche Einsamkeit hervorrufen. Natürlich habe auch ich mir die Fragen nach dem Sinn gestellt und „warum ich” und ähnlich fesselndes Zeug, welches nirgendwo hinführt. Ich habe mich verkrochen und versteckt, habe mich mit allerlei Ablenkungen begnügt. Reisen, Drogen, Netflix. Meditation, Gravitation, Eimer rauchen, sowas. Hauptsache mein Hirn und die Emotionen waren maximal zerfetzt.

 

Also was hat mein Leben jetzt noch für einen Sinn? Wohl gar keinen!

 

Oder?

 

Um die grundsätzliche und spannende, manchmal verflucht quälende Frage nach dem Sinn des Lebens überhaupt beantworten zu können, müssen wir erstmal begreifen, was das Leben tatsächlich ist und was wir unter Sinn verstehen.

Das mit dem Leben ist eigentlich schnell erzählt. Hier ist meine Definition, falls sich dieses ominöse Leben in sowas Absolutes gänzlich hineinzwingen ließe: Das Leben ist eine bittersüße, ständig rotierende Melange aus Atmung und Verbrennung. Bittersüß, weil das Leben angenehme und unangenehme, schöne und schreckliche, freudige und nervige usw. Ereignisse für uns bereithält. Es ist immer eine Mischung aus Allem, denn das Leben ist wahnsinnig komplex und von Zeit zu Zeit nur sehr schwer zu durchschauen. Und das Leben stirbt. Immer. Und immer entsteht es von Neuem. Ohne dass es sich sorgen muss, ohne dass es hoffen muss auf ein dominanteres nächstes Mal. Aber eben auch ohne Angst. Angst davor, dass jemand kommt, um ihm die Ohren lang zu ziehen, weil es angeblich einen Fehler gemacht hat. Wenn man es genau nimmt, ist dieses Ding, welches wir das Leben nennen, das einzige Etwas, das wirklich frei ist. Das Leben ist einfach, ohne Zweck existiert es und fragt nicht warum. Wenn das Leben nämlich einen denk- oder greifbaren Zweck hätte, wären wir selbst ja gar nicht frei, oder?

Der bedeutende Inhalt des Lebens ist also das Leben selbst.

Basta!

Doch der uns manchmal so quälende Sinn, nach dem einzig wir Menschen in der Lage sind zu fragen, was genau meinen wir eigentlich damit? Für viele Menschen sind Kinder oder Gemeinschaft, Glaube oder Spiritualität, Liebe sinnstiftend. Für einige andere ist es das Geld, Macht und Golf.  Manchmal ist es vielleicht ein Gedanke, eine Logik oder ein kausaler Zusammenhang. Möglicherweise etwas, das wir etikettieren und in eine Schublade stecken, damit wir abhaken, pauschalisieren und abtun können, nur um vorübergehend beruhigt schlafen zu gehen? Auf jeden Fall ist für den Menschen das Sinngebende etwas sehr Subjektives und ähnlich Individuelles wie der einzelne Mensch selbst. In Wahrheit gibt es nämlich gar keine pauschale, kurze und einfache Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Deine entschiedene und kompetente Reaktion auf diese für DICH vielleicht wichtige Frage darfst nur du dir SELBER erarbeiten, um sie dir wirklich vorstellen und liebevoll annehmen zu können!

Ja!

Es lohnt sich, sehr viel genauer hinzusehen:

 

Google sagt: (hihi)

Zu den klassischen fünf Sinnen zählst du Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken. Neben diesen fünf Sinnen zählst du aber noch drei weitere Sinne dazu: die Wahrnehmung von Temperatur und Bewegung sowie deinen Gleichgewichtssinn. Du nutzt deine Sinne jeden Tag, um Eindrücke und Reize aus deiner Mitwelt wahrzunehmen.

 

Und jetzt stell dir vor, du bummelst barfuß am Strand entlang und sammelst Muscheln. Ganz zufällig erspähst du eine dir nur vage bekannt vorkommende Gestalt. Du kannst nicht genau erkennen, ob in weiter Ferne etwas nur auf dich wartet. Ja, auf dich! Das Geschöpf schlendert langsam auf dich zu, während dich deine Neugier unmerklich beschleicht. Du hörst die Wellen und die Möwen über dir. Der Wind trägt den Geruch von Meer, salzig und algig zu dir herüber, Sand knirscht unter deinen nackten Füßen. Du hältst dein Gesicht in die warme Sonne und strahlst mit ihr um die Wette, deine Haare kitzeln dein Gesicht. Und dann ist da diese vertraute und lang vermisste Stimme plötzlich neben dir, die einfach nur Hallo sagt und dein Herz macht einen Satz.

 

So gesehen ist der Sinn des Lebens also MITNICHTEN irgendein verkopftes Konstrukt, ein wackeliges Kartenhaus, welches wir unser ganzes Leben, mit Hilfe unserer Gewohnheiten, Erwartungen und Ansprüche errichtet haben.

Nein!

Der Sinn des Lebens ist für mich lieber eine geräuschlose Wahrnehmung am Rande des Geheimnisses, eine schimmernde Ahnung versteckt hinter dem zarten Schleier der allgegenwärtigen Herrlichkeit des Lebens oder vielmehr eine leise Berührung durch Unbekanntes…

 

Sometimes I hit you with a dial tone

You're right but then I say you're wrong

Sometimes I drink too much caffeine

Or go to sleep like I'm dope or morphine

 

There's a light, there's a light in your window

There's a light, there's a light in your window

There's a light, there's a light in your window

There's a light, there's a light

 

You caused the rain, I brought you pain

But you're the only one that could save me

You caused the rain, I brought you pain

But you're the only one that could save me

Oh save me, please save me

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