
Ich habe versucht herauszufinden, wie viele Rocky Filme mit Sylvester Stallone es wirklich gibt. Google spuckte fünf Teile aus, auf irgendeinem Rocky und Rambo Fanportal war von 7 Filmen die Rede. Alle Erfahrungen, die ich mit meinem Rocky gemacht habe und noch machen werde, wollte ich hier quantifizieren und ebenso viele Kapitel darüber schreiben. Doch ich habe mich für Rocky 5000 entschieden. Diese Begrifflichkeit hat der Nachrichtensprecher in Spaceballs (bester Film) genutzt, als Pizzamampf starb. Das ist mir fast sofort bei der Suche nach einem geeigneten Titel für dieses Kapitel eingefallen. Also rede ich hier nicht von Rollstuhl 1, 2, 3 oder vier, sondern von Rocky 5000.
Oktober 2021
Als die sechs Tage der erzwungenen Totalabstinenz von Internet und Fernsehen vorbei waren, beschloss ich, meinen Handrollstuhl aus der Wohnung zu tragen und ein wenig draußen, an der frischen Luft, herumzufahren. Ich wollte wissen, wie es ist, nicht am Rollator zu gehen, sondern sitzend zu rollen. Rocky permanent um mich herum zu haben, weil er am Küchentisch steht und immer geradeaus schaut, ist ja nur die halbe Wahrheit. Nach dieser Woche, geprägt von “Bäh!”, “Agläks!” und “Lass mich in Ruhe!”, juckte es mir geradezu in den Fingern, Rocky auch mal was anderes zu bieten als nur den immer gleichen Blick aus meinem schmutzigen Küchenfenster (im letzten Kapitel habe ich noch geprahlt, ich hätte die Fenster geputzt, das war gelogen).
Der restliche Teil Wahrheit stellte sich erst auf der Straße heraus. Da wo mich alle sehen können. Da wo alle peinlich berührt wegsehen, weil sich der Rollstuhlfahrer mit seiner handbetriebenen Maschine und abgesenkten Bordsteinkanten abmüht. Und das bei gefühlter Windstärke 8. Sowas macht mir überhaupt nichts aus, dachte ich anfänglich. Doch Wind ist eine unsäglich unnütze Bremse, auch wenn er von der Seite kommt. Jeder verfluchte Gehweg ist irgendwie schräg, na klar damit das Wasser ablaufen kann, die Straßen sind genauso schnittig angepasst. Es ist draußen nun mal nicht so eben wie der Fußboden in meiner Wohnung, auf die rollend zurückgelegte Strecke gesehen, wuchtete ich mich überwiegend im Zickzackkurs voran. Ich selbst wiege nicht mal 60 Kilo und der Rollstuhl hat vielleicht 15. Meine armen Arme. Ich werde sicherlich noch ein paar mal mit Rocky unterwegs sein, vielleicht bin ich ja am Ende der Hulk. Du kannst dir vielleicht nicht vorstellen wie anstrengend das ist und auch wie ernüchternd. Ich war ungefähr anderthalb Stunden draußen unterwegs und bin bis an meine körperliche Belastungsgrenze bzw. zu den abgesenkten Bordsteinen gefahren, die ich mit Rocky nicht überwinden konnte. Mein Bewegungsradius war ganz schön dolle eingeschränkt. Auch die Fahrerei auf vermeintlich geradem Fußweg wird immer genau dann zur Herausforderung, sobald eine Einfahrt oder Ausfahrt in den Fußweg eingearbeitet ist. Das ist quasi immer der Fall. Ich muss fast noch genauer auf den Untergrund achten, als es mit dem Rollator oder komplett ohne Fortbewegungsunterstützung nötig ist. Ich habe nicht geschummelt, indem ich meine Beine oder Füße ausnahmsweise zu Hilfe nahm. Auch nicht als es regnete, auch nicht als sich das kleine Geschäft in die Windel verabschiedete.
Ich kann total verstehen, dass sich Rollstuhlfahrer aufregen, gerade wegen der Qualität unserer Straßen und Fußwege, erst recht wegen rücksichtslos Parkenden, “normalen” Unwissenden. Ich habe mal zu jenen gehört. Als ich mich eine Zeitlang an zwei verschiedenen abgesenkten Bordsteinen abmühte, haben mir zwei Nachbarn Hilfe angeboten. Ich habe die nur angegrinst und gesagt: “Nein Danke, ich übe!” Ich verspreche mir vom Üben einen großen Vorteil, ich glaube, wenn ich damit erst anfange, wenn es soweit ist, dann verzweifle ich und traue mich vielleicht gar nicht mehr vor die Tür. Das Üben und sich mit mir selbst beschäftigen hat sogar, wie ich finde ausschließlich Vorteile. Ich muss, wenn es so weit ist, nicht herausfinden, wie ich meiner drohenden Immobilität begegnen möchte. Ich muss dann hoffentlich nicht jammern und verzweifelt an anderen Leuten zerren und Dinge verlangen, die unmöglich von Diesen erbracht werden können. Das kann ich dann nämlich schon selber, ohne zur Last zu fallen. Ohne vor allem mir selbst zur Last zu fallen. Ich bin gespannt, wie es im Einkaufszentrum läuft....
Dezember 2021 bis Januar 2022
Ich bin mit Rocky nicht im Einkaufszentrum gewesen. Ich war mit Manfred dem Dritten da, das reichte auch. Um mich draußen auf der Straße mit dem Rollstuhl abzumühen und vielleicht unschöne Erfahrungen mit ungeduldigen Busfahrern zu machen, dafür war Rocky einfach noch nicht verlockend genug. Also habe ich die Verhältnismäßigkeit erkannt und bin mit Manfred zitternd im Bus von A nach B gefahren. Mit Rollator im Bus zu stehen und die Trägheit meiner selbst und dem Rollator auszugleichen, ist eine Herausforderung der ich mich nicht gern stelle. Allein der Weg von meiner Wohnung ins Einkaufszentrum mit 6 Haltestellen kam für mich einer fordernden Einheit Physiotherapie gleich. Es schaukelte und schunkelte, mein Gleichgewicht war fast komplett hinüber und ich brauchte erstmal 5 Minuten Pause an der Endhaltestelle. Rocky hätte hier überhaupt keinen Unterschied gemacht, denn meine Arme waren vom Festhalten des Rollators entsprechend beansprucht. Außerdem ist der Weg in den Klamottenladen hinein auch recht lang, was mir aber erst In meiner unfreiwilligen Pause bewusst wurde. Also ja, wenn man sitzen kann, sollte man sitzen aber ich darf generell die Verhältnismäßigkeit nicht aus den Augen verlieren.
Wir dürfen uns das Leben einfach machen aber auch nicht zu einfach. Ich brauchte dringend neue Hosen, am liebsten ohne Knöpfe, die wollen doch immer so befummelt werden. Ihre Sehnsucht nach meinen Fingerchen könnte auf der Toilette zu einem Malheur führen und mich wieder ächzen und motzen lassen. Also habe ich Akio den Leuchtenden, im Corona bedingt vereinsamten Jack and Jones Store besucht. Wir beide haben zusammen ganz schnell ganz viele Hosen, die für mich infrage kämen, gefunden. Ich hatte den ganzen Laden für mich alleine und konnte also in der Umkleidekabine Krach machen. Umziehen ist ja generell schon speziell anders für jemanden mit schwindendem Gleichgewicht aber Akio's Umkleiden sind auch wirklich winzig. Ich bin sehr froh, dass der obligatorische Spiegel angeschraubt ist. Rumpelpumpel war der Soundtrack zur mühsamen Erlangung meiner neuen Alltagsverkleidungen. Eigentlich schwitze ich nicht so sehr, aber als ich aus dem Laden wieder raus war mit 3, 4 Hosen, 1, 2 Pullis, meinem Manfred und gelegentlicher Schnappatmung, merkte ich erstmals wie anstrengend Shopping nunmehr ist. Glücklicherweise bin ich kein Fashion Victim und muss nicht so oft Klamotten kaufen gehen. Alle zwei Jahre vielleicht. Auch das könnte möglicherweise irgendwann anders sein und dann werde ich vielleicht mit Rocky einkaufen fahren. Ich weiß jetzt, dass ich das dann mit Sicherheit nicht alleine machen werde, es ist wirklich unglaublich anstrengend und mir die Sache nicht wert. Hier gibt es vielleicht noch andere Möglichkeiten, die es zu erfahren gilt. Alles zu seiner Zeit.
Nicht übertreiben. Verhältnismäßigkeit leben.