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44 - Grundgesetz

November 2024


Triggerwarnung

In diesem Blog geht es um die unheilbare neurologische Erkrankung Multiple Sklerose und somit auch um mögliche Auslöser schwieriger Gefühle, Erinnerungen oder Flashbacks. Die Texte enthalten Veranschaulichungen und Sprachbilder für solche Trigger – wie Dis­­kriminierungs­erfahrungen oder Todeswunsch. Bei manchen Menschen kann dies negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall sein könnte.
Hilfe erhältst du unter 0511 – 70 33 38 oder info@dmsg-niedersachsen.de.

Was hat eigentlich das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, also unsere Verfassung, mit einer Toilette für Menschen mit Behinderung zu tun?

Nun ja, mal sehen…also vor vielen Jahren, als ich noch “normal” war, gesund, vor Kraft strotzend und in der Lage, auf eigenen Beinen die Wendeltreppe der angesagten Gastro Richtung Toilette galant und spritzig hinunterzuwetzen, konnte ich natürlich nicht ahnen, dass ich einige Zeit später, also heute, meinen dringlichen Geschäften sehr exklusiv in einem separaten Raum dafür nachgehen darf. Früher musste ich nicht stehend oder sitzend zwischen zwei Stapeln Napkins von Tork und diversen Getränkekisten pinkeln oder schachten. Ganz entspannt konnte ich mich erleichtern und dazu noch mit anderen Leuten unterhalten, wenn die denn wollten.

Heute ist das ganz anders. Wenn heute ich, also der ewig nörgelnde Ballast, rollend zum Klo darf, dann befindet sich dieses, wenn überhaupt, auf derselben Etage. Die Türklinke ist etwas niedriger angebracht, sodass man sie bequem vom Rollstuhl aus bedienen kann. Doch alles, was danach kommt, ist total anders als früher. Ich öffne die Tür und die Innerlichkeiten des gefliesten Raumes begrüßen mich mit einem großen Hallo. Ja, irgendwo ist dort auch ein wenig Keramik oder Porzellan zu erspähen. Eine Toilette für Menschen mit Behinderung, mit herunterklappbaren Armlehnen, einer Sitzerhöhung und vor allen Dingen viel Platz. Manchmal geht nämlich der oder die Partnerin mit auf das Behindertenklo, um beim An- und Ausziehen behilflich zu sein oder Ähnliches. Jedoch schreit manchmal auch so ein blöder, hässlicher, dreckiger Putzlappen rum, dass die Citronella nicht so toll ist wie Meister Proper zum Beispiel. Und natürlich stehen dort auch die besagten zwei Stapel Napkins von Tork, Getränkekisten, Kaffeebohnen, Kaffeesahne, und manchmal auch der gesamte Jahresvorrat an Klopapier für den ganzen Bums hier, oder was?

Mich interessiert, was Gewerbeaufsicht und Gesundheitsamt dazu sagen. Nahezu jedes Etablissement, in dem ich zu Gast war, welches einen Behindertenparkplatz vor der Tür hat, litt aus niederen Gründen klomäßig an Platzmangel. Also, ich fühle mich dann auch überhaupt gar nicht in die Abstellkammer abgeschoben, jedoch vollstens respektiert. Es ist schon so, dass gar nicht mal so viele Menschen, die auf eine barrierearme Toilette angewiesen sind, eine solche auch vergleichsweise hochfrequent benützten. So gesehen ist eine Toilette für Menschen mit Behinderung, ein relativ selten für dringliche Geschäfte genutzter aber auf jeden Fall für den Profit auszunutzender, zusätzlicher Lagerraum. Gerade auch wenn die Küche oder wer direkt um die Ecke gelegen ist, dann sind die Wege für Ein- und Auslagerung nicht so weit, Synergieeffekte können gefunden werden und der schnöde Mammon lacht sich mal wieder kaputt.

Im Grundgesetz gibt es den Artikel 3. Er gehört zum ersten Abschnitt der Grundrechte und garantiert die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichberechtigung der Geschlechter und verbietet Diskriminierung und Bevorzugung aufgrund bestimmter Eigenschaften.

Damit handelt es sich um ein Gleichheitsrecht.

Schließlich verbietet Art. 3 Absatz 3 Satz 2 GG die Benachteiligung wegen einer Behinderung.

Hm. Nachdem ich mich also aus meinem Rollstuhl aufs Klo gewuchtet hatte, war irgendwie alles nicht mehr so akut, jedenfalls kam das vormals dringliche Geschäft nur sehr schleppend voran. So bräsig hatte ich viel Zeit, mich einmal umzusehen. Sofort fielen mir die orangen Kisten Schöfferhofer Weizen auf. Fünf Stück davon rechts neben mir. Links steht ja nur der nach Desinfektionsmittel duftende Wickeltisch. Naja, gelangweilt und ein wenig aufmüpfig schnappte ich mir also eine Pulle Schöffi und testete, ob die Bier wirklich so schön hat geprickelt in meinen Bauchnabel. Na ja, nicht mehr als jedes andere Getränk mit Kohlensäure auch. Und da ich sowieso schon auf einer Toilette sitze und jegliche Flüssigkeit durch meinen Körper einfach nur durchläuft, setze ich die Flasche an und gluck gluck gluck. Im nächsten Moment löst sich sofort alles und ich bin endlich frei. Doch das Weizen weinte, “wenn du mich gar nicht zu Ende benutzen willst, kannst Du mich ja auch einfach wieder in den Kasten zurückstellen”. Sie hat es gesagt und ich habe es getan, habe die Buddel anständig abgelutscht und wieder in die Kiste zurückgestellt. Hat der nächste auch gleich wat, er muss nur auf Kohlensäure verzichten können.

Oder sie! Und alle dazwischen und außerhalb auch! Wir sind ja schließlich alle gleich.

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