August - Oktober 2022

Als sich der baumlange Feuerwehrmann grinsend über mich beugte und fragte: „Na? Alles klar?” verflüchtigten sich schlagartig alle gegenwärtigen Sorgen, Nöte und Ängste ins nächtliche Blaulichtgewitter, welches sich oben an der Schlafzimmerdecke brach. Ich musste fast weinen vor Lachen, obwohl ich im Dreck lag und mich kaum bewegen konnte.
Mir tat nichts sonderlich weh, ich konnte lediglich meinen Körper nicht kontrollieren, ich war unfähig einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne in der Hüfte auszubrechen. Auch der Rollator war mir keine Hilfe, er konnte mich nicht stützen. Ich war nicht in der Lage mich selbst aufrecht zu halten und somit machte ich übergangslos knallharte Bekanntschaft mit der Schlafzimmerkommode und bremste quietschend mit dem Gesicht an ihrer gesamten Front, bis hinunter zum Fußboden. Dabei riss ich die Zimmerpflanze mit hinab und verteilte unabsichtlich den gesamten erdigen Inhalt des Blumentopfes unter mir. “Man, was denn jetzt?” Das fragte ich mich nicht nur einmal, doch es dauerte eine ganze Weile, bis ich feststellen musste, dass ich hilflos war. Ich krepelte bestimmt eine Viertelstunde auf dem Boden herum, bis ich den Nachttisch und das darauf liegende Handy mit dem Fuß an mich herangezogen hatte. Echtholz ist verflucht schwer, ich schwöre, das nächste Schlafzimmer wird wieder eins aus schwedischem Pressholz. Richtig halten konnte ich das Handy nicht. Meine Ataxie ließ mich beinahe verzweifeln, allein schon beim Entsperren des Telefons. Ich weiß nicht, wie oft ich die drei Ziffern des Notrufs zitternd eintippte und wie lange es letztendlich dauerte, bis sie auch wählten. Der nette Mensch am anderen Ende stellte so viele Fragen, ich wollte doch nur, dass jemand kommt und mich rettet. Alles dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Doch dann dehnte es sich nicht allzu lang, bis ein erlösendes Tatütata durch die Nacht sirente. Das Blaulicht mehrerer Fahrzeuge tanzte unwirklich durch die Dunkelheit. Geräusche heulender Dieselmotoren und angespannt besonnener Stimmen, der Schein von Taschenlampen, die in meine Wohnung leuchteten und letztlich die Leiter, welche an das weit geöffnete Fenster gelehnt und gesichert wurde. Das war alles seltsam abenteuerlich zu hören und zu sehen; ich vergaß fast, dass ich hilflos auf den Dielen meines Schlafzimmers lag. Ich war gespannt, wer da gleich durchs Fenster steigen würde, ich konnte ihn bereits die Leiter erklimmen hören. Glücklicherweise trug ich eine Windel, also ergoss sich das akute kleine Geschäft nicht auf das billige Linoleum und vermischte sich so auch nicht mit dem Blumen-Dreck zu matschiger Pampe, folglich klebte nichts an mir und stank.
Ein, zwei Stunden vorher, so gegen Mitternacht, musste ich nicht weinen, als ich schwer atmend auf dem erbarmungslos unschuldigen Fliesenboden, direkt vor der Toilette, in einer kleinen Lache Pippi aufwachte. Mein linker kleiner Finger schmerzte, ich konnte mich diffus daran erinnern das Bewusstsein verloren zu haben. Ich versuchte mich wohl an der Heizung und gleichzeitig am Rollator abzufangen, doch nicht nur meine Hände zitterten, als ich mich hielt; als ich mich fallen ließ. Bereits da versagten meine Beine, schon zu diesem Zeitpunkt fiel ich um. Wie durch ein Wunder bin ich nicht mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen; Möglichkeiten hätte es genug gegeben.
Was war denn bloß passiert? Im Rettungswagen versuchte ich, zwischen Blutdruck und Temperatur zu erklären, was mich auf den Weg ins Krankenhaus gebracht hat. Waren es meine fantastische Schlaftrunkenheit und die ungewöhnliche Müdigkeit der vergangenen Tage? War vielleicht der Stein in meiner Niere und die strahlenden Schmerzen in meiner Bauchgegend daran schuld? Oder lag es wieder einmal an meinem viel zu hohen Anspruch an mich selbst, sexuell wenigstens allein irgendeine körperliche Befriedigung zu erlangen? Nachdem es mit der letzten Professionellen nicht so recht klappen wollte, musste ich trotzdem irgendeinen Höhepunkt erringen. Ich wollte mir wohl selbst beweisen, unbedingt auf dieser Ebene nicht gänzlich zu versagen. Trotz der beschissenen MS und ihrer vielfältigen Einschränkungen, eben gerade bezogen auf meine Sexualität. Ich kann in dieser Hinsicht nicht mal selbst für mich da sein. Vielleicht habe ich es aphrodisierend, sprich medikamentös übertrieben. Vielleicht aber habe ich mich auch mit irgendwas angesteckt. Kein Preis schien mir zu hoch, keine Möglichkeit zu absurd. Ich will doch nur Nähe, Zuspruch, Geborgenheit, jemanden. Diese scheiß Sehnsucht nach Liebe. Sie nagt an meinen Eingeweiden wie eine fette, unersättliche Ratte. Ich versuche sie zu vertreiben, mit dem stärksten Gift, das ich finden kann. Doch die Ratte überlebt immer und am Ende bin wohl ich derjenige, der dran glauben muss.
Als wir endlich, rote Ampeln ignorierend im Krankenhaus Nordstadt ankamen, wurden erstmal alle möglichen Fragen gestellt, Untersuchungen gemacht und eine erste periphere Venenverweilkanüle gestochen. Ich wurde gefragt, ob ich denn wüsste, dass ich 39,6 Grad Fieber habe. Es war noch Sommer und sehr warm; das verhasste Uthoff-Phänomen wurde im Zusammenhang mit meiner Multiplen Sklerose nachdenklich ins Spiel gebracht. Ich sagte, ich hätte einen Nierenstein und verwirrte damit die diensthabende Ärztin der Notaufnahme wahrscheinlich nur noch mehr. Es folgte der obligatorische Corona-Test, meine Lunge wurde vorsorglich geröntgt, ich musste eine Urinprobe abgeben und dann wurde ich in ein dunkles Stationszimmer der Neurologie geschoben. Es war ja mitten in der Nacht, ich konnte im Dunkeln nichts erkennen und sicherlich spielte auch das Fieber mit meinen Sinnen. Ich dachte, ich befände mich in einem Einzelzimmer und so schlummerte ich endlich ruhig und langsam einer ersten Erholung entgegen. Ca. 20 Minuten später verschluckte irgendwas seine Zunge. Aus dem dunklen Off ertönte ein kurzer Schnarch; ich wusste plötzlich: “Aha, jetzt wirst du gefressen.” Ich lag offensichtlich doch nicht allein in der Kammer; wer da auch immer grunzte, den würde ich erst am nächsten Morgen kennenlernen. Ich bekam noch einen Fiebersaft und schlief dann vorerst zufrieden ein.
Früh am darauffolgenden Tag wurde ich vorsichtig durch einen jungen Pfleger geweckt, der sich umgehend nach meinem Befinden und eventuellen Schmerzen erkundigte. Er hatte keine medizinischen Geräte oder Computer dabei und erklärte erstmal wie die Sache läuft. Ich war verständlicherweise einigermaßen benommen, versuchte im neuen Tageslicht und dem ungewohnten Umfeld, mich selbst wiederzufinden. Mein Zimmernachbar schlief noch, er war so versteckt unter seine Decke gekuschelt, dass ich ihn unmöglich erkennen konnte. Meine Notfalltasche, die ich vor anderthalb Jahren eigentlich für Multiple Sklerose Notfälle gepackt hatte, stand für mich unerreichbar auf dem Tisch. Auf diese Notfalltasche bin ich sehr stolz, weil ich durch sie sehr viel weniger auf äußere Hilfe von Familie oder Freunden angewiesen bin, die in meiner Wohnung nur amateurhaft Klamotten für mich suchen könnten. Es hat sowieso niemand Zugang zu meiner Bude, denn vor ein paar Tagen habe ich aus Versehen den Schlüssel meiner Wohnungstür abgebrochen und den Neuen habe ich noch nicht verteilt. Hat sich leider unfreiwilligerweise mit meiner akuten Versehrtheit überschnitten. Die Notfalltasche haben die Sanitäter am Vorabend mitgenommen, ich bin heilfroh, an sie gedacht zu haben. Ich will nicht, dass sich jemand um mich kümmern muss, das ist doch alles nicht notwendig, das kriege ich doch alles alleine hin. Ich bin doch schon groß, ich brauche doch keinen. Dachte ich. Die kommenden 19 Tage sollten meine Meinung diesbezüglich nicht komplett umdrehen, aber deutlich verändern. Es war Freitagmorgen, die beste Zeit ins Krankenhaus zu gehen, denn am Wochenende ist hier nicht viel los. Die diensthabenden Schwestern und Pfleger begannen mit ihrer morgendlichen Routine, klapperten ihre Patienten mit Blutdruckmessgerät und Thermometer ab, erkundigten sich nach Befindlichkeit, letztem Stuhlgang und Schmerzen, fragten mich, ob ich Hilfe beim Waschen oder Toilettenbesuch bräuchte und ließen mich dann erstmal in Ruhe. Ich versuchte, die nächste Zeit der Langeweile zu überbrücken und einen Blick auf meinen Zimmernachbarn zu erhaschen. Ich war sehr neugierig auf ihn, doch ich hatte keinen Erfolg. Ich musste mal aufs Klo, im Vorbeigehen würde ich doch bestimmt irgendwas erkennen. Jedoch; ich konnte kaum laufen. Ich erinnerte mich an meine körperliche Schwäche und lenkte meine gesamte Konzentration auf mich selbst; einen Rollator hatte ich noch nicht im Zimmer. Die Toilette war natürlich behindertengerecht und trotzdem war es für mich schwierig, das kleine Geschäft zu erledigen. Meine Ataxie war denkwürdig ausgeprägt und sehr störend. Auch habe ich versucht, mich ein wenig zu waschen, an Zähneputzen war aber nicht zu denken. Auf dem Weg zurück ins Bett hat mich ein Pfleger erwischt und nordete mich sofort ein. „Sie wollten uns bestimmt Arbeit ersparen, aber Sie sind noch viel zu unsicher auf den Beinen und einen Oberschenkelhalsbruch wollen Sie nicht auch noch riskieren. Unsere Chirurgen hier im Krankenhaus müssen sie nicht kennenlernen, glauben Sie mir.” Seine Ansprache ging selbstverständlich noch ein wenig länger und eindringlicher, jene Situation war für mich total unangenehm, doch ab diesem Moment habe ich jede Fürsorglichkeit gerne angenommen. Wieder im Bett fielen mir meine Schienbeine auf, deren Haut total abgeschrammt war. Auch meine Unterarme sprachen mittlerweile einen eigenartigen Dialekt. Eine Mischung aus grün, blau und braun. Das ist mir vorher auch schon aufgefallen, aber nicht so deutlich. Und so schmerzlich.
Mehrere Schwestern und Pfleger betraten plötzlich den Raum und schoben eine spanische Wand zwischen meinen Zimmernachbarn und mich. Damit ich nicht sehen konnte, was da drüben gleich passieren würde. Hören aber konnte ich sehr wohl. Die Leute haben eine Weile gebraucht, bis sie ihn überhaupt wach kriegten. Der Mann wurde gewaschen und fit für den Tag gemacht. Es hörte sich unvermittelt so an, als ginge ihm gleich das große Geschäft los, er sträubte sich jedenfalls dagegen ins Bett zu machen, für mich kaum verständlich, doch sehr nachdrücklich klagend. Aber ein Pfleger beruhigte ihn und ermunterte ihn sogar, genau das zu tun. Ich hörte ein kurzes Würgegeräusch, doch routiniert und kompetent erledigten die Schwestern und Pfleger ihren Job. Als diese alltägliche Prozedur vollzogen war und ich freien Blick auf meinen Zimmergenossen hatte, schlief dieser schon wieder. „Ich möchte auch so schlafen können.” sagte ich verschämt belustigt zum Pfleger. „Nein, das möchten Sie bestimmt nicht. Was er durchmacht, möchten Sie für sich auf gar keinen Fall.” Mein Zimmernachbar war ein 84-jähriger Herr mit Bakterien im Gehirn und innerhalb von nur drei Tagen vom lustigen, aktiven, selbstständigen Menschen zum absoluten Pflegefall verdorben. Er konnte gar nichts mehr alleine, war zu 100% auf äußere Hilfe angewiesen, erledigte das große Geschäft im Bett und das Kleine in einem Beutel. Er wurde künstlich ernährt, kriegte unzählige Infusionen und schlief den ganzen Tag. Seine Tochter kam fast täglich vorbei und versuchte, ihn zurück ins Leben zu animieren. Sie fütterte ihn und redete ihm gut zu, versuchte wache Momente, ihn selbst hervorzurufen und ermutigte ihn, die schönen Seiten des Lebens, die zu Hause auf ihn warten würden bitte als Motivation zu sehen, sich Mühe zu geben doch bald zurückzukommen. Ich war fast hautnah dabei, konnte ja nicht vor dieser Situation davonlaufen. Jenes Erlebnis war so herzzerreißend, diese Hoffnung, diese Hoffnungslosigkeit mit ansehen zu müssen. Während der sechs Tage meines Aufenthaltes in seiner Nähe wurde er nur geringfügig wacher. Als seine Augen mal geöffnet waren, starrte er vermeintlich teilnahmslos geradewegs in mein Gesicht. Natürlich kann ich nur ahnen, was sich irgendwo in seinem Inneren abspielte, aber wie anstrengend und aussichtslos alles für ihn sein mochte, das schienen seine leeren, fast schwarzen Augen und sein kaum hörbares Flehen nach Erlösung leise und traurig zu erzählen. Ich weiß nicht, ob Walter heute noch lebt.
Man, Licht aus du alte Zippe sonst beiß ich die Lampe ab hier! So wenig im Krankenhaus am Wochenende los war, umso gieriger kommen sie nun wie die Ameisen aus ihrem Bau gekrochen und wollen alle was. Ständig fliegt die Tür auf und jemand anderes nervt. Ich will doch nur schlafen, mein Zimmergenosse sägt nachts den scheiß Urwald ab und gruselt mich abwechselnd mit seiner schleichenden Schnappatmung und den kläglichen Versuchen die eigene Zunge zu verschlucken. Der Arme kann leider gar nichts mehr und wird immer als Erster versorgt, gefüttert und mitunter olfaktorisch herausfordernd gewaschen. Direkt nach dem geweckt werden hat mir ein Student beneidenswerter Jugend dilettantisch schmerzhaft Blut abgenommen und mein frisches Bettzeug besudelt, das große Geschäft suchte sich schmierig seinen krankenhausfraßgepflasterten Weg nach draußen, Frühstück ohne Kaffee, Putzkolonne und Ultraschall. Zwischendurch gab es eine hoch unwirksame Infusion durch meine mittlerweile vier Tage alte periphere Venenverweilkanüle. Ich hab noch nicht mal Zähne geputzt doch wenigstens hauen die Schmerzmittel voll rein. Eine halbe Stunde lang lag ich auf dem Flur in einem teils auch für die Öffentlichkeit zugänglichen Gebäudes und hab die Decke angestarrt, während ein paar alte Trullas gegenseitig ihre Krankheiten bewunderten. Gut, dass ich mir ums kleine Geschäft keine Sorgen machen muss, mein Stadionkumpel mit 2l Beutel hat auch seine coolen Seiten. Jetzt bin ich wieder auf Station bei meinem Urwaldmenschen, doch die süße Bettschieberin dreht leider ohne mich weiter ihre Runden übers Gelände. Na toll, der Drücker für den Schwesternruf hängt am Ende der Welt, also anderthalb Meter entfernt von mir. So gut laufen kann ich nun auch wieder nicht. Ich Dreck muss mich aber waschen und so beschließe ich zu balancieren. Hoffentlich will der Katheter nicht mit Macht aus dem Schniedel...Und wie war dein Tag bisher?
Nachdem ich Walter einseitig kennengelernt hatte, erschien die Stationsärztin und fragte nach meinem allgemeinen Befinden und warum ich überhaupt hier sei. Laut dem Untersuchungsergebnis meiner Urinprobe hatte ich tatsächlich eine Harnwegsinfektion und durch diese auch das hohe Fieber von fast 40 Grad. Ich erzählte ihr von meiner bevorstehenden, geplanten Nierenstein-OP in vier Tagen, die jedoch in einem anderen hannoverschen Krankenhaus stattfinden sollte. Nun lag ich aber unfreiwillig auf Station der Neurologie ihres divergenten Hospitals und wir rätselten, was wir nun klügstens tun sollten. Wir stellten fest, dass die Harnwegsinfektion zusammen mit Uthoff meine Multiple Sklerose gravierend negativ beeinträchtigte. Infektionen verursachen bekanntlich Fieber; pauschal hohe Temperaturen begünstigen das unsichtbare Uthoff-Phänomen, welches sämtliche Symptome der Multiplen Sklerose drastisch verschlechtert. In meinem Fall vor allem die Ataxien und die Gehfähigkeit. Wir beschlossen also, das Fieber bis zu meinem OP-Termin zu senken, sodass ich einigermaßen fit in die Werkstatt gehen könnte. Wir beide vermuteten hier einen Zusammenhang und lachten über die Tatsache, dass sich mein Stein genau eine Woche vor der geplanten Operation unangenehm bemerkbar machte. Ich hatte natürlich ein wenig Sorge, ob ich den Termin überhaupt wahrnehmen kann und ob wir alles Erforderliche so kurzfristig organisieren können. Letztendlich aber gab es nur Probleme besonderer Natur, unnötig nerviger Bürokratie-Wahnsinn innerhalb der Krankenhausorganisationen nämlich. Irgendwelche Zettel fehlten, die Nebensächliches und für mich total Überflüssiges belegen, dokumentieren oder entlasten sollten. Ich wollte doch nur den blöden Stein loswerden, der höllische Schmerzen und die Infektion verursachte. Seit ca. zwei Wochen hatte ich bernsteinfarbenen, stinkigen Urin und rannte alle 5 Minuten aufs Klo. Dort im Krankenhaus wurde mir anschließend ein Katheter und ein Urinbeutel verpasst. Beste Erfindung, dieser Stadionkumpel. Endlich musste ich mir keine Sorgen mehr bezüglich des wackligen Wegs zur Toilette und dem lästigen, sporadisch in die Hose pinkeln, machen. Um die Entleerung kümmerten sich die Pfleger und ich konnte mich voll und ganz auf das Hoch und Runter meiner Körpertemperatur konzentrieren. Irgendwann bekam ich noch feuchte Wickel um Waden und Füße, bis mir alle vier vor Kälte fast abstarben. Doch schließlich ging das Fieber nachhaltig runter und blieb da, so dass ich endlich wieder organisieren, machen, tun oder mich langweilen konnte. Ich hatte nämlich kein Buch dabei, einen Fernseher gab es nur draußen auf dem Flur und Walter redete nicht. Ersatzweise schrieb ich eine Liste, was ich am Inhalt meiner Notfalltasche noch ändern müsste, damit es künftig im Krankenhaus nicht so langweilig würde. Oh, das war eine gute Idee, die sich bereits eine Woche später mit der nächsten Infektion auszahlen sollte.
Als in einer heißen Nacht Alvaro Soler die Gilde Parkbühne rockte, lag ich auf Station der Urologie und erwartete die Entfernung meines nervigen Nierensteins am nächsten Tag. Ich war fix und fertig und doch froh, endlich hier angekommen zu sein, satt und tieftraurig. Ich habe mich nur halb in den Schlaf geweint, da ich sehr aufgeregt und gespannt meine Operation herbeisehnte. Ja, die OP, ich lag mittlerweile im Krankenhaus Siloah, zwischen weiteren schrecklichen Schicksalen, die ich nun auch noch näher kennenlernen durfte; und draußen tobte das Leben. Die Fans jubelten und grölten, sangen mit Alvaro von der Liebe und der Schönheit des Seins. Spanisch verstehe ich nur bruchstückhaft, aber es reichte im Dreiklang mit der Musik und dem Publikum, einer Sehnsucht hinterher zu trauern, die ich gar nicht richtig benennen kann. Jeder hat jemanden, der sich um einen sorgt, jeder hat jemanden, der auf einen wartet, so scheint es. Im Krankenhausbett fühlte ich mich noch viel kleiner und abgeschobener und vor allem abgelehnter, sodass die Frage "Warum ich?" noch viel präsenter und quälender in den Vordergrund trat als sonst. In dieser Nacht war es unangenehm warm und alle Fenster weit geöffnet, somit konnte sich der akustische Geist der jugendlichen Lebensfreude voll entfalten und ich war mittendrin. Wie gerne hätte auch ich diese Freude mit anderen geteilt. Doch ich lag in einem fantasielos modernen Krankenhaus und wartete darauf, dass mir mit einer Schlinge durch Harnröhre und Blase ein 0,4 mm Steinchen, bestehend aus Kalziumoxalat, meiner Niere entnommen werden würde. Dieser mickrige Felsen allein trug Schuld an der vergangenen Harnwegsinfektion, den strahlenden Schmerzen in Bauch und Rücken, dem stinkigen weil blutigen Pipi und meiner allerersten Bekanntschaft mit dem Rettungsdienst. Dort, auf der Station der Urologie im Klinikum Siloah, lagen aber noch ganz andere Gestalten rum. Der eine aus einem Pflegeheim hatte einen Toilettenstuhl neben seinem Bett stehen, auf dem er nur mit Hilfe Platz nehmen konnte, wenn er denn musste. Aber er musste eigentlich nie. Keine Ahnung, wo er alles gelassen hat, er aß sehr wenig und war auch nur ein halber Hahn, so wie ich es bin. Und so leise wie er sonst mit den Augen teilnahmslos in der Gegend herumirrte, so laut meckerte er wirres Zeug, als er am nächsten Tag entlassen wurde. Anders war der andere, der sich mit den Ärzten und Schwestern nur mit dolmetschenden Angehörigen am Telefon verständigen konnte. Er war kein geplanter Notfallpatient und wartete schon drei Tage auf eine Operation, hatte wohl Schmerzen, ertrug diese aber stoisch; und als er nicht mehr warten wollte, wollte er mit Katheter und Urinbeutel umgeschnallt einfach gehen. Das geht so aber nicht und die Schwester hatte Mühe, ihm beizubringen, dass er beides da lassen müsse, denn von seinen Dolmetschern ging gerade keiner ans Telefon. Im Stehen also ließ er sich den Katheter ziehen und verabschiedete sich eilig mit einem Brummen und Kopfnicken, so als wäre nichts gewesen. Dann kam einer, der hatte drei Urinbeutel an seiner Latzhose hängen. Zwei gehörten zu seinen Nieren und einer zur Blase, doch er war auffallend lustig und locker drauf. Er telefonierte ständig mit einem Arbeitskollegen in Hildesheim, dort fand gerade ein Stadtlauf statt, den er wohl mit organisiert hatte. Sein Talent war nicht zu ersetzen. Wenn er nicht telefonierte, schlief er, gar kein Problem. Bis das Telefon wieder klingelte, dann saß er plötzlich kerzengerade im Bett. Der letzte im Bunde war der Rocker Typ mit buschigem, weißem Schnauzer, jedoch nur mit halber Blase. Er hatte solche Schmerzen und fraß Tabletten wie andere Bonbons. Nachts konnte er überhaupt nicht schlafen und schlurfte zum Rauchen am Kaffeeautomaten vorbei, nachdem er 15 Minuten brauchte, sich anzuziehen. Trotz der Dunkelheit habe ich alles gehört und gerochen. Auch er hatte natürlich einen Katheter und einen Urinbeutel, den er mit Hilfe eines Infusionsständers mit sich führte. Zusätzlich konnte er nicht richtig laufen, doch nett war er und gesprächig. Es gab also einiges Leid zu entdecken, aber auch Mut und Zuversicht. Der mit den drei Kathetern nahm sein mögliches Schicksal Dialyse scheinbar an, vielleicht aber auch nur auf die leichte Schulter, doch es schien ihn nicht komplett aus der Bahn zu werfen. Er hatte schon Pläne verkündet, wie er seinen Garten weiter beackern könnte, sah aber ein, nicht mehr in der gewohnten Art und Weise weitermachen zu können. Der Rocker machte Nägel mit Köpfen und verabschiedete sich innerlich vollständig von seiner Blase und setzte darüber auch den Arzt in Kenntnis. Lieber lebt er ohne Blase als mit ständigen Schmerzen. Und ich? Ich hatte nur einen Nierenstein, der mir unter Vollnarkose entfernt würde. Davon kriege ich hoffentlich nichts mit, doch wünschenswerterweise vom Wunderland.
Der Tag der Operation begann mit keiner Dusche, sondern mit Waschlappen. Ich ging noch mal gehörig aufs Klo, frühstückte, aß zu Mittag und dann harrte ich der Dinge, die auf mich und meine schwarzen Füße zukommen würden. Am Tag bevor ich ins Krankenhaus Nordstadt eingeliefert wurde, war ich noch mal barfuß spazieren und hatte keine Gelegenheit, vor meiner Unpässlichkeit die Füße zu waschen. Nun lag ich da also, aufgeregt, die Decke bis zum Kinn trotz der Wärme und versuchte meine Füße zu verstecken, als ich pünktlich, wie avisiert, um 14 Uhr für den OP vorbereitet wurde. Die MTA's und vor allem der Narkosearzt waren alle sehr zugewandt und fragten mich, was für ein Tattoo ich denn gerne hätte, wenn ich wieder aufwachte. "Das weiße Kaninchen auf der linken Schulter, bitte", scherzte ich und klagte über Kopfschmerzen. Ich zählte: 10,9,8,..._...Ich hatte immer noch Teegeruch in der Nase, als ich, wie versprochen, ohne Kopfschmerzen aufwachte. Die Nichtgeburtstagsfeier im Wunderland war turbulent und herrlich ungewöhnlich. Alle waren da: die Haselmaus, der Märzhase und natürlich der verrückte Hutmacher. Doch die Party war noch lange nicht vorbei, das weiße Kaninchen und die Grinsekatze hatten sich noch angekündigt. Dideldei und Dideldum alberten in der Gegend herum. Momratzen jagten den Besenhund über den reich gedeckten Geburtstagstisch, falsch! den Nichtgeburtstagstisch, ermahnte mich der Hutmacher und die sprechenden Blumen nervten Onkel Raupe so sehr, dass mir der Qualm aus seiner Wasserpfeife die Tränen in die Augen trieb. Blinzelnd versuchte ich den Rauch zu vertreiben und blickte plötzlich in ein freundliches menschliches Gesicht. Ich wollte sofort wieder zurück und fantasierte im Aufwachraum meinem Traum hinterher, doch ich konnte ihn nicht zurückholen. Immer klarer wurden meine Gedanken, immer weiter entfernte ich mich von meiner narkotischen Illusion. Glücklicherweise war noch alles dran, die schwarzen Füße auch. Und ich hatte Hunger. Um 18:05 Uhr lag ich wieder auf Station und schaufelte zwei Abendbrot in mich hinein. Mir war sehr deutlich nach freudigem Weinen zumute und hätte Schwester Clara, die den zweiten Katheterbeutel versteckt unter meiner Bettdecke fand und mir anschließend den verhassten Nierenstein in die Hand drückte, am liebsten abgeknutscht. Eine lange Woche Tortur der Schmerzen und der Ungewissheit war endlich vorbei. Am nächsten Tag kam der blutjunge Arzt zur Visite und entließ mich für den kommenden Morgen. (Ich weiß nicht, ob man das so sagt, aber es steht da) Zusammen mit der jungen und toll tätowierten Schwester organisierte ich einen Transport nach Hause, sagte Tschüss und suchte das Weite. Endlich wieder Fast Food!
Nur drei Tage später fühlte ich mich abermals sehr schwach. Ich kam mir vor, wie gekaut und ausgespuckt, lag den ganzen Tag nur rum, freute mich über gar nichts, wollte auf jemandes Arm und rief meine Mama an. Ich bettelte, dass sie doch bitte zu mir käme und mich bemuttern würde. Es dauert generell lange, bis ich mich zu einem solch offenbarenden Schritt überhaupt entschließe, denn ich kann ja alles alleine. Und wie es sich für eine Mutter gehört, war auch Meine überaus besorgt und entsprechende Reisepläne schnell gemacht. In zwei bis drei Stunden wäre sie bei mir gewesen. Da meine Mama aber nicht nur Mutter, sondern auch Ärztin ist, fragte sie mich bohrend nach meinen Symptomen und schlug mir schlussendlich vor, doch mal einen Corona-Test zu machen. Nun, der Selbsttest war schneller rot, als man "Blaubeerkuchen'' sagen kann. Aha! Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich jedoch noch nicht besonders krank; hatte sogar Appetit und Geschmack. Ich wartete also auf Atembeschwerden, rasende Kopfschmerzen und den restlichen Corona-Shit, den ich aus dem Fernsehen kannte. Ich stellte mich gedanklich schon mal auf die Beatmungsmaschine ein. Mit meiner tollen Vorerkrankung Multiple Sklerose und wegen der erst kürzlich zurückliegenden Harnwegsinfektion war ich ja bereits sehr geschwächt. So abwegig ist dieser Gedanke also nicht gewesen. Ich telefonierte noch eine Stunde mit meiner Therapeutin und dann kam der Absturz. Sehr schnell habe ich allgemeine Fähigkeiten verloren, überhaupt nur auf die Toilette gehen oder mich motivieren, fernzusehen oder einen Podcast zu hören oder gar zu lesen, das war einfach nicht drin. Mit einem Mal waren auch die Kopfschmerzen da, ich fühlte mich, als hätte ich eine kapitale Erkältung, nur tausendmal schlimmer. Dies war bei Leibe kein Männerschnupfen, ich habe mich noch nie so scheiße gefühlt. Jene Infektion mit dem Coronavirus war meine Erste seit Ausbruch der Pandemie. Trotz viermaliger Impfung hat sie mich erwischt und umgeworfen. Wahrscheinlich hat mich eine Virus-Mutante überfallen, gegen die ich keine Impfung habe. Vielleicht hatte ich diese Variante aus einem der beiden vorherigen Krankenhäuser mitgebracht. Nicht auszudenken, wie viel schlimmer es hätte kommen können, wäre ich gar nicht geimpft gewesen. Wahlwiederholung: 112.
Um diesmal das rettende Krankenhaus zu erreichen, musste mich die Feuerwehr abermals aus meinem Schlafzimmer befreien, da ich mich wieder nicht bewegen konnte. Nachdem der Feuerwehrmann mein, an diesem Tag nur angeklapptes Schlafzimmerfenster mit einem Bindfaden endlich besiegt hatte, kletterten die zwei Rettungssanitäter von vor 14 Tagen durch die nun offene Luke. Merkwürdige, ironische Situation. „Na, Herr Gottschalk, was haben wir denn heute?" Wieder wurde ich ausgefragt, wieder ging es mit Tragestuhl und "Notfalltasche Revision 1.0" in den Rettungswagen hinein. Die beiden hatten Mühe, überhaupt einen geeigneten Platz qualifizierter Behandlungsmöglichkeit für mich zu finden, doch dann lieferten sie, die zwei Vermummten, mich mit Martinshorn und Blaulicht im Clementinenhaus ab. Sie beendeten ihre Schicht, während ich auf Verarztung wartete. 2 Stunden später, nach Sonnenuntergang, wurde ich in ein Einzelzimmer zur Isolation gebracht. Im fiebrigen Delir nahm ich im Dunkeln natürlich überhaupt nichts mehr wahr, nur den Pfleger, der mir zwei Tabletten “Irgendwas” einflößte. Das tat so weh. Ich war total orientierungslos, konnte mich überhaupt nicht wehren oder artikulieren oder bewegen oder sonst etwas. Mein Körper reagierte einfach nicht. So muss sich wohl Endstation, ganz unten, für verrückt Gewordene anfühlen. Alexander, die können hier mit dir machen, was sie wollen, hier kommst du nie wieder raus.
Am nächsten Morgen erwachte ich natürlich. Die Sonne kitzelte mich so wach, die Vögel zwitscherten und ich hab direkt richtig groß ins Bett geschissen. Es fühlte sich an wie ein endloser Furz, bei dem ein ganzer Kontinent unfertiges Land mitkam. Diese unmittelbare Restentleerung führte sich auf, als wäre sie längst überfällig. Der Versuch, alles zuzukneifen scheiterte kläglich und sorgte nur für den auf Maximalgeschwindigkeit beschleunigten Transport des hinterletzten Stuhls Richtung flatterndem Portal zur bescheidenen Außenwelt. Ich haderte einen Moment mit meiner Scham, doch dann habe ich die Schwester gerufen. Es matschte schon, trotzdem beichtete ich ihr nur widerwillig mein stinkiges Malheur; sie warf lediglich einen flüchtigen Blick zwischen meine Beine und blieb dann doch glotzend wie plötzlich angewurzelt stehen. Ihre Augen wurden immer größer; im nächsten Augenblick machte sie auf dem Absatz kehrt und mit erhobenem Zeigefinger krächzte sie eilend: "Ich hole Verstärkung." Da war wohl eine ganze Menge Puh im Bett. Sie kam zurück mit einem grimmig dreinschauenden Pfleger, etwas untersetzt, voll tätowiert, Glatze und Muskeln wie Herkules. Er beruhigte mich mit erstaunlich sanfter Stimme und nahm mich in den Arm, während die Schwester Material sortierte und mich anwies, auf die Seite zu rollen. Ich sollte ihr meinen bekackten Arsch hinhalten. Die Würde vom Alex sagte nicht mal Tschüss und stellte sich unverzüglich heulend in die Ecke. Nur zaghaft warf sie beschämt gelegentliche Blicke über ihre Schulter auf die so seltsam unwirklich anmutende Szenerie. Und während ich in Pablo's, vor Kraft strotzenden Armen greinte, wischte die Schwester den ganzen Scheiß weg und ich erleuchtete mich: „Der arme Waschlappen zwischen meinen Arschbacken hat sich seinen Tag bestimmt auch anders vorgestellt.'' Ich bekam schlagartig einen gemischten Anfall aus Lachen und Husten und rotzte den sich unvermittelt lösenden grünen Schleim aus meiner Lunge auf den unschuldigen, graumelierten Fußboden. Weil ich plötzlich wieder so einen Quatsch im Kopf hatte: "Bestimmt haben die hier noch nie einen so kleinen Pimmel gesehen." Jedenfalls war ich ob der Situation plötzlich sehr belustigt. Als ich danach mal 5 Minuten alleine war und mich vom eben Erlebten erholte, störte eine weitere Schwester mit Frühstück. Ich schaute aufs Tablett. Zwei Brötchen, ein bisschen Wurst, ein bisschen Käse, Joghurt, ein Obst und Kaffee. Und irgendwelche Tabletten mit einer Flasche Wasser. „Ja blöd" dachte ich „dann musst du wohl verhungern und verdursten." Die Flasche hätte ich im Leben nicht aufgekriegt, eine stinknormale PET-Flasche. Brötchen aufschneiden und schmieren, keine Chance. Joghurt löffeln, unmöglich. Also fragte ich die Schwester leise: „Können Sie mich bitte füttern?" Im selben Moment hörte ich jemanden um Hilfe rufen. Er schrie nicht, aber es war unüberhörbar flehend, wie ein Kind. Genauso fühlte ich mich, denn ich hatte Hunger; und der plötzlich in mir wütende und alles bestimmende Jieper ließ keinen zeitlichen Aufschub zu. Außerdem schrie mein Körper nach frischem Geäse, denn der unterentwickelte Scheiß-Kontinent aus der Vergangenheit wurde ja eingepackt und in die Wäsche geschmissen. Im Laufe der Zeit durfte ich zwei weitere Male vulkanisch aktiv werden, doch meine heftigen Eruptionen hatten gar nicht die Zeit, fruchtbares Festland zu bilden. Glücklicherweise wurde die Darreichungsform meiner Verpflegung so geändert, dass mir nur dreimal der Balg von fremder Hand gestopft werden musste und ich im weiteren Verlauf selbständig essen konnte. So anstrengend, und meine Ataxie sorgte gelegentlich dafür, dass sich beim Abbeißen die Stulle verkantete und ich die Marmelade mehr im Gesicht, denn auf dem Brötchen behielt. Ich hatte mir übrigens sofort wieder einen Katheter und einen Urinbeutel anbauen lassen. Aus meiner ersten Krankenhaus Erfahrung habe ich nämlich gelernt, außerdem konnte ich ja eh nicht laufen. Der Typ, der ständig um Hilfe rief, begann damit morgens pünktlich zum Frühstück und hörte erst abends nach der Tagesschau wieder auf. Einmal änderte sich sein Vokabular und er rief nicht um Hilfe, sondern nach Papa. Papa, Papa, Papa! Das war so nervtötend, dass ich drauf und dran war mich zu vergessen, aufzustehen, nach Hause zu fahren, im Keller die Rolle Panzertape zu finden, zurückzukehren, um ihm eigenhändig den berühmten Halt-endlich-die-verfluchte-Schnauze-Verband anzulegen. Danach würde ich mich wieder ins Bett legen und in aller Ruhe genesen. Doch dieser Typ war ein Junge von nicht mal 18 Jahren und hatte Corona. Und er ist blind. Er lag ganz allein, isoliert und ohne visuelle Orientierung in seinem Zimmer; und litt halt an scheiß Corona. Niemand war da und gab ihm in irgendeiner Weise die Sicherheit, dass alles wieder gut werden würde. Angst ist wohl sein ständiger Begleiter und in jenem speziellen Fall saß dieser Mistkerl auf seiner Brust, glotzte ihn bösartig an und presste ihn aus. Ich habe bei einer Schwester nachgefragt und nachdem sie mich aufgeklärt hatte, starrte ich an die Decke und schämte mich einfach nur meiner selbstsüchtigen Gedanken und Unwissenheit wegen. Ich weiß glücklicherweise nicht, wie es ist blind zu sein, aber ich weiß wie es ist, hilflos zu sein. Zusätzlich nicht sehen zu können, eine furchtbare Vorstellung. Ich würde sicherlich auch um Hilfe betteln.
Wenn du da als Außenstehender keine Klatsche kriegst, weiß ich auch nicht. Man, man, man, ey, menschliches Leid. Erst der Alte mit den Bakterien im Kopf, der nicht mehr leben will, weil alles so verflucht anstrengend ist. Der mich mit seinen leblosen Augen scheinbar unverblümt ansah und flehte, den Kampf doch bitte zu beenden. Der Mittelalte mit den drei Kathetern aus Nieren und Blase, der kurz vor der Dialyse stand und sich vermeintlich freudig für Dinge engagierte, die eigentlich total unwichtig waren. Möglicherweise sein Versuch, sich von der ihm drohenden Versehrtheit abzulenken. Und der blinde Junge mit Corona, der allein und orientierungslos vor sich hin vegetierte. Meine Fresse, was für eine Zeit, was für wirklich umwerfende Erfahrungen. Unterm Strich war das alles, in der Rückschau betrachtet, unglaublich wichtig und bereichernd für mich. Ich bin sicher ein ganzes Stück gewachsen. Jedoch waren es auch die fürchterlichsten, entwürdigendsten aber zugleich menschlichsten Erlebnisse meines Lebens. Weil so gar nichts mehr gewohnt funktionierte, nicht mal ein eigenständiger Toilettengang oder selbstständiges Essen. Ich habe dreimal ins Bett gemacht, geschwitzt wie Sau, unzählige Infusionen, die gleichzeitig lechzende Hoffnung bedeuteten, durch insgesamt acht Zugänge in drei verschiedenen Krankenhäusern gekriegt. Meine Arme waren total zerstochen, die Stimmbänder unangenehm belegt und brüchig. So schwach und hilflos war ich davor noch nie. Ohne die antivirale Behandlung, die mir meine Mutter und die Ärzte ermöglicht hatten, hätte meine Genesung wahrscheinlich viel länger gedauert. Die Schwestern und Pfleger sind so hart im Nehmen, egal ob es darum geht die Scheiße wegzumachen oder Menschen zu ertragen, die stundenlang um Hilfe rufen, obwohl Letztere natürlich längst gewährt wurde. Erstaunlich, wie schnell ich genesen bin, wie gut es mir jetzt geht und ich doch wenig kann. Ja, das eigene Leid ist immer das Schlimmste, aber in Relation gesehen ist es oft gar nicht so schrecklich, wie man es sich immer ausmalt. Hilflosigkeit muss nicht unbedingt erdrückend sein und geistig blockieren. Möglichkeiten und fürsorgliche Menschen sind hoffentlich immer da. Auch hier ist das richtige Maß ausschlaggebend. Mein unbedingter Wille, zu 100% alleine klar kommen zu wollen, war ganz sicher ungesund. Jedoch nicht per se falsch. Ich weiß jetzt, die Mischung macht's. Selbst denken, selbst handeln und in der Not Hilfe von außen annehmen. Doch wenn es wieder geht, das Ganze von vorn. Jedenfalls ist dies meine hoffentlich beruhigende Schlussfolgerung nach 19 Tagen unfreiwilliger Krankenhaus-Rundreise durchs sommerliche Hannover.
Bemerkenswert, diese Vollbremsung. Ich kam mir vor wie Goofy, der grandios auf die Fresse fliegt und noch gefühlt 50 m auf dem Gesicht quietschend und qualmend weiter rutscht, zwischendrin mit den Hinterläufen anfängt zu rennen, aber vorne nicht hochkommt. Ich bin jetzt wieder zu Hause und könnte die halbe Zeit weinen. Einmal, weil es alles so erstaunlich anstrengend ist. Mein Rücken will nach minimaler Belastung abbrechen, meine Beine sind so schwach, ich sinke manchmal einfach so auf den Boden. Nach wenig Schufterei komme ich aus eigener Kraft fast nicht wieder hoch. Erschöpfend viele Pausen brauche ich, um meinen Körper wieder zu erneuten Bemühungen zu überreden. Und dann könnte ich heulen, weil diese kräftezehrenden Beschwerlichkeiten trotzdem so viel lebendiger sind, als nur passiv im Bett zu liegen und darauf zu hoffen, dass Fieber und Infektion vorüberziehen. Pflege und Fürsorglichkeit durch jemand anders mag zeitweilig notwendig und vielleicht auch mal schön sein, aber Selbstständigkeit und generell Dinge aus eigenem Antrieb heraus tun zu können, ist so viel wirksamer. Selbstwirksam nämlich. Dessen sind wir uns meistens gar nicht richtig bewusst. Wir merken oft erst das was fehlt, wenn es nicht mehr da ist.
Es waren eigentlich nur drei Wochen Erholung seitens der Krankenkasse veranschlagt worden. Die vier Kilo Muskelmasse, die ich in 19 Tagen Klinikaufenthalt verloren hatte, mussten ja wieder aufgebaut werden. Und so hat sich die nette Dame vom Sozialdienst im Clementinenhaus engagiert um eine entsprechende Anschlussheilbehandlung gekümmert. Später in der Reha selbst fand ich ungemein Gefallen an der unerwartet wirksamen Therapiedichte und der sehr kreativen Langeweile. Bereits nach anderthalb Wochen fühlte ich mich viel kräftiger als vor den Infektionen. Also entschied ich, auf sechs Wochen zu verlängern, sollte der entsprechende Antrag von der Versicherung finanziell gedeckt werden. In diesem Moment überredete ich mich also spontan und ohne Nachdenken, meine nur für drei Wochen ausreichende Unterwäsche links wie rechts konsequent zu Ende zu benutzen. Doch diesem Umstand wurde ich erst im Nachhinein gewahr.
When your feelings fall apart
love you forever, my old friend
No matter what, just care for you
'cause no one ever will
dum di di di di dum dum…feel good…dum di di di di dum dum
dum di di di di dum dum…feel good…dum di di di di dum dum