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45 - Reset

 Februar 2022


Triggerwarnung

In diesem Blog geht es um die unheilbare neurologische Erkrankung Multiple Sklerose und somit auch um mögliche Auslöser schwieriger Gefühle, Erinnerungen oder Flashbacks. Die Texte enthalten Veranschaulichungen und Sprachbilder für solche Trigger – wie Dis­­kriminierungs­erfahrungen oder Todeswunsch. Bei manchen Menschen kann dies negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall sein könnte.
Hilfe erhältst du unter 0511 – 70 33 38 oder info@dmsg-niedersachsen.de.

Kennst du den Film Trainspotting - Neue Helden? Diesen Film habe ich in meinem Leben bestimmt x-mal gesehen, zuerst als Schüler, da er 1996 im Kino erschien. Dieses, für mich bedeutsame Meisterwerk, handelt von ein paar sehr kaputten Drogenjunkies, die allen möglichen Substanzen und sonstigen Ablenkungen erlegen sind, besonders Heroin. Der Held des Films, der blutjunge Ewan McGregor, der mit wenig Fantasie ähnlich aussieht wie ich (vielleicht nehme nur ich das so wahr) versuchte immer wieder von der Droge loszukommen. Neulich wurde der Film in der Mediathek angeboten. Ich heulte die ganze Zeit. Ich kann so unglaublich viel mit der Thematik Drogenmissbrauch und somit Mark’s Leiden anfangen, machte seinen Entzug, seine Rückfälle, seine Momente des Glücks, seinen endlichen Erfolg von der Droge loszukommen, körperlich und emotional auf intimste Art und Weise mit. Selbstverständlich spielt erst recht auch die Musik eine einschneidende Rolle für mich. Der Film beginnt mit dem Titel Lust for Life von Iggy Pop, während die liebenswerten Junkies mit gestohlener Ware, welche sie für Drogen zu Geld machen wollten, der Polizei davonrennen. Bereits hier war ich meinen urplötzlich hervorschießenden Tränen erlegen. Diese erstaunlich feuchte Äußerung von tiefem Verständnis und Mitgefühl blieb den ganzen Film über und ich wehrte mich auch nicht dagegen. Der letzte Titel, ein Song der in den Neunzigern bestimmt in einigen Technoclubs lief, gab mir den Rest. Mark klaut seinen sogenannten Freunden die ganze Kohle von einem zufälligen, glücklichen Drogendeal und macht sich klammheimlich vom Acker. Der Erzähler der Geschichte, Mark selber, sinniert anschließend über seine zukünftigen Pläne, welche die Droge und seine Haltung zum Leben in seiner Vergangenheit unmöglich machten.

Als der Film zu Ende war, war auch ich irgendwie zu Ende, fix und fertig, tränenlos und leer. Ein einzelner Satz dieser bebilderten Erzählung schwebte majestätisch wie ein Manta vom Fernseher sehr zielstrebig in meinen Kopf, machte es sich dort bequem, blieb und mutierte zum allgegenwärtigen Mantra. Als Mark seinen schmerzhaften Entzug glücklich hinter sich hat, mit Diane im Bett liegt und beide nach dem Sex einen Joint teilen, sagt sie: „Der springende Punkt ist, Du musst dir was Neues suchen.” Genauso ist es auch für mich. Mark hat sich ewig mit dem begnügt, was er schon unzählige Male getan hat. Ich habe mich ebenso mit dem zufrieden gegeben, was meine über lange Zeit festgefahrenen Verhaltensmuster mir vorzuschreiben schienen. Dieses Erlebnis ist jetzt vielleicht 10 Tage her. Seitdem habe ich nicht mehr gekifft. Es fällt mir nun im Unterschied zu den unzähligen, vorherigen letzten Malen sehr viel leichter nicht kiffen zu müssen, nicht wieder der Verlockung der Droge zu verfallen, mich nicht lethargisch und traurig meiner Inkonsequenz hinzugeben. Mich nicht selbst wegzuschmeißen und mein Leben wie ein einsamer, verbitterter, hoffnungsloser Hundertjähriger zu führen. Es ist, als hätte ich selbst meinen Stecker gezogen und die Power-Taste gedrückt um jegliche Restspannung aus meinen Kondensatoren entfleuchen zu lassen. Meine alten Konventionen sahen vor, mich allein in die Küche zu setzen, zu kiffen und dabei beiläufig YouTube Videos zu schauen. Es ist ja nicht so, dass ich in der digitalen Welt so gar nichts gelernt oder kein vorübergehendes, an der Oberfläche kratzendes Mitgefühl oder Verständnis erfahren hätte. Immer nur punktuell zwar, doch nachhaltig war dies alles nicht. Eine ganzheitliche Konsequenz aus meinem Leid konnte ich so nicht aus der viel beschworenen Cloud ziehen. Denn meine Probleme waren und sind recht bunt, da konnten mir so ein paar Pixel auch nicht weiterhelfen. Ab und zu jedoch tat die psychedelische Wirkung meiner Droge etwas schockierend Erstaunliches. Angenehm bizarr verzerrend Aufwühlendes. Beispiel: ich habe ja durchaus auch mal an Suizid gedacht. Ich habe das wirklich versucht und auf dem Geländer einer Autobahnbrücke gestanden, zweimal. Jedes Mal bin ich danach wieder in meiner Küche gelandet, jedes Mal habe ich digitalen Trost gesucht aber selten gefunden. Als Torsten Sträter irgendwann im März 2021 einen Text hinsichtlich des unerträglichen Unwohlseins der Angetrauten von Prinz Harry im königlichen Palast verlautbarte, fühlte ich mich wie so oft augenblicklich in seinen Bann gezogen. Zuerst dachte ich, was kommt denn jetzt? Er sprach sehr einfühlsam in die Kamera und sah mich allein durchdringend an. Er verstünde, dass es Zeiten gibt, in denen man durchhalten muss und wenn du eine schlimme Phase hast, dann ab zum Arzt, und zwar zügig, lass dir helfen aber bring dich nicht rum. Lass es! Das Ganze hat er natürlich ein bisschen lustig verpackt aber im Kern trifft es eine Angelegenheit die ernster nicht sein kann und dafür bin ich ihm zutiefst dankbar. Weil seine Ausführungen tatsächlich in einer solchen schlimmen Phase meines Lebens Hoffnung, vor allem aber Trost spendeten. Und zwar dauerhaft wirksam. Er hat auch Scheiße durchlebt und darüber bereitwillig gesprochen, was nicht jeder tut, sich nicht jeder traut. Ich glaube ihm, schon allein deshalb, weil es mir mit meiner beschissenen Krankheit sehr schwer fällt überhaupt jemandem Glauben zu schenken, erst recht mir selbst. Meine Ungläubigkeit, mein Unwissen, mein Gefühl des Alleinseins und der Unsicherheit hat mich sehr lange Zeit in meinen alten Verhaltensmustern verharren lassen. Als Torsten ein andermal durch die Retina meines Tablets diffundierte, seinen Zeigefinger in mein Auge pikte und sprach: Hände weg von Pornografie! fühlte ich mich ganz plötzlich ertappt und erheblich beschämt. Denn Sex ist auch so eine Angelegenheit, welche mich nie zu irgendeiner Befriedigung führte, und ich verzweifelt mit allen Mitteln versuchte eben genau diese Befriedigung zu erlangen. Was auch immer “diese Befriedigung” sein mag. Jedenfalls habe ich seinen popelnden, brennenden Zeigefinger in meinem Auge nicht vergessen. Ich schätze, nicht nur diese zwei Erlebnisse im ominösen Internet und viele andere Zwischenspiele in unserer analogen Welt, in der sowieso die besten Geschichten stattfinden, führen nun zu meiner ganz persönlichen inneren Umordnung und zu neuen Verhaltensweisen.

Nun. Ich habe die letzte Nacht geschlafen wie ein Baby, wobei ich gar nicht weiß wie ein Baby schläft, denn als ich eins war, habe ich keine Erinnerungen, auf die ich jetzt zugreifen könnte, abgespeichert. Frühest am Morgen bin ich heute aufgewacht und habe eine neue Tradition eingeführt. Ich werde jetzt jeden Morgen eine Virgin Bloody Mary mixen. Das ist der bekannte Cocktail, nur alkoholfrei. Weil, ich trinke schon lange keinen Alkohol mehr. Gut gelaunt habe ich also morgens um 5 die ganzen scharfen Zutaten zusammengekippt und während ich ein Brot backte (oder buk? oder bäckerte?, hm naja…) nebenbei getrunken. Dieser Cocktail ist wohl als Anti-Kater Drink bekannt, schadet aber auch sonst nicht, im Gegenteil, er ist sehr belebend und macht aufmerksam. Was ist denn bitte ein Spritzer Tabasco? Da kommen nur lächerliche Tröpfchen aus der kleinen Flasche, ich habe sieben Schubse reingemacht, das passt schon. Nachdem ich mich dann also anderthalb Stunden in der Küche verlustierte, bin ich zurück ins Bett gekrochen und wollte fernsehen. Zu so früher Tageszeit läuft eigentlich nur Schrott und Wiederholungen und aktuelle Corona News und Klimazeug und dieser nervige, weltliche Kapitalistenscheiß. Untenrum regte sich plötzlich irgendwie irgendwas. Seit längster Zeit hatte ich unverhofft ohne medikamentöse Unterstützung ergebnisorientierten Sex mit mir selber und das tatsächlich sehr erfolgreich und märchenhaft besonders. Meine Verwunderung und Freude darüber kann ich hier unmöglich wiedergeben, ich begrüßte die nicht eintretenden Kopfschmerzen, die sonst nach dem vermeintlich notwendigen Genuss des üblichen Aphrodisiakums garantiert nervten und schlummerte “dieser Befriedigung” wunschlos glücklich entgegen. 3 Stunden später wachte ich auf und musste schnellstens aus dem Bett raus, ich glaube der oder das Tabasco wollte seiner feurigen Bestimmung entsprechen und zum zweiten Mal brennen. Kann auch sein, dass die Sonne zu sehr kitzelte, jedenfalls komplimentierte mich eine Melange der Wohligkeit und des Dranges aus dem Bett hinaus. Oder war das die lange Zeit unterdrückte Lebenslust?

Well, here comes Johnny Yen again

With the liquor and drugs

And a flesh machine

I know he's gonna do another striptease

 

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